im Landkreis ihre Entstehung verdankt, soweit sie nicht schon viel früher gegründet worden waren. Fast alle Orte der nördlichen Wetter- au und viele Dörfer des Lahngaues tauchen schon in den ersten ur-— kundlichen Uberlieferungen der Klöster Fulda, Hersfeld und Lorsch im 8./9. Jahrhundert auf.
Karl Glöckner, der bedeutende Landeshistoriker und Herausgeber des Codex Laureshamensis(Lorscher Urkundenbuch) hat einst die Frage aufgeworfen: Sind wir im Kreis Gießen Franken oder Hessen? und hat darauf keine befriedigende Antwort gefunden. Hessen sind wir sicher nur im staatsrechtlichen Sinn, denn deren Urheimat und Bleibe ist immer das Gebiet zwischen Fritzlar und Kassel gewesen. Aber zum fränkischen Stamme rechneten sich die Menschen bei uns lange auch nicht. Vielmehr darf unsere Heimat schon seit der Römerzeit als eine Begegnungslandschaft von Völkern und Stämmen angesehen werden, wo nördliche und südliche Einflüsse zusammentrafen, sich mischten und neue Gemeinschaften begründeten.
Die großen Fernstraßen
Begegnungsraum der Menschen aber konnte unsere Gegend nur werden, weil sie seit der römisch-germanischen Zeit von bedeutenden Straßen durchzogen oder berührt wurde.
Die wichtigste dieser Straßen, die sog."„Weinstraße“, führte von Mainz am südlichen und östlichen Taunusrand entlang nach Butzbach und weiter über Großen-Linden durch die"Wolfsfurt, im Heuchelheimer Feld zum höchsten Punkt des Krofdorfer Forstes, streifte dort die ka— rolingische Straßenfeste- das"Gronauer Alte Schloß“ über der Salz- böde- und führte in streng nördlicher Richtung über Fritzlar hinauf ins Westfälische. Gerade an diesem großen Straßenzug hat der hessi- sche Straßenforscher Görich die Anlage karolingisch-fränkischer Cur-— tes(= befestigte Rast- und Etappenorte) ca. alle 25 km nachgewiesen und damit verdeutlicht, wie sorgfältig der fränkische Staat den Land- ausbau und seine Herrschaft militärisch und ökonomisch sicherte.
Ein zweiter Fernweg von Süden nach Norden fast parallel zur Wein- straße war die"Salinenstraße“, auch"Mardorfer Straßen genannt, die aus der südlichen Wetterau kommend über Münzenberg und Steinbach ostwärts des Wiesecker Waldes entlanglief, bei Großen-Buseck das Wiesecktal und bei Allendorf das Lumdatal überschreitend über Nord- eck zur Amöneburg und in den nordhessischen Raum führte.
Eine dritte Nord-Süd-Verbindung, die"Fritzlarer Straßen lief, von der Weinstraße bei Großen-Linden abzweigend, auf dem östlichen Lahnufer entlang nach Norden; sie benutzte den Gießener Aulweg als Abkürzung über die Linder Mark, Klein-Linden, Selters hinunter ins Wiesecktal und führte über den Hangelstein und den Totenberg am westlichen Rand des Amöneburger Beckens entlang nach Fritzlar.
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