schärfen. Dem umweltschutzbewußten muß der denkmalschutzbewußte Bürger folgen.
Die Gießener Innenstadt ist weitgehend verzerrt; ob mehr durch Kriegseinwirkung oder Planungen der Nachkriegszeit, sei dahingestellt. Sorgen Sie dafür, liebe Wiesecker Bürger, daß Ihr Ortskern, der in seiner Bausubstanz über 250 Jahre alt ist, erhalten bleibt.
Eine der im Denkmalschutzjahr vom Europarat ausgewählten 45 Mo- dellstädte ist Alsfeld, wo es in beispielhafter Weise gelungen ist, das Alte zu bewahren, ohne die modernen Erfordernisse zu vergessen. Die Lösung der Verkehrsprobleme, eine umfassende Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit und die Meisterung sozialer Probleme unter aktiver Mithilfe der Bevölkerung kennzeichnen die dortigen Erfolge.
Damit komme ich zu einer der anderen Aufgaben, die ich für wesent-— lich halte. Es gilt, die Bereitschaft zur Mitverantwortung in breiten Schichten zu wecken. Hier liegt auch die Chance sinnvoller Bürger- initiativen, in deren Existenz sich nicht nur das echte demokratische Bewußtsein zeigt, sondern die auch eine gewisse Garantie dafür bie— ten, daß demokratisches Handeln in all den Gefahren unserer Zeit le— bendig bleiben wird. Der einzelne muß seinen Einfluß gegenüber dem jener wenigen verstärken, die heute noch weithin allein entscheiden. Er darf es nicht mehr hinnehmen, daß die angeblichen- meist sehr interessengebundenen- ubesseren“ Einsichten gegen die vorgeschobene Unmündigkeit der Mehrheit der Betroffenen ausgespielt werden. Dazu wird es notwendig sein, den Bürger an der Stadtplanung, die ja sei- nem Wohl dienen soll, zu beteiligen, wie das am Beispiel Schiffenberg praktiziert wurde und ein lebhaftes, dankbares Echo gefunden hat. Dort war auch eine Bürgerinitiative erfolgreich wirksam. Im Anklang daran rufe ich auf: uRettet die Badenburg, das Kleinod der alten Wiesecker Gemarkung, einst unter großen Opfern von der Gemeinde erworben!“ Auch der staatliche Denkmalschutz braucht die aktive Hil- fe der Bürger.
Wir alle befinden uns nur dann auf dem richtigen Weg, unsere Städte human und lebenswert zu gestalten, wenn wir zuerst nach den Bedürf- nissen der Menschen fragen und ihren Wünschen nach Begegnungsstät- ten, nach Schaffung von kulturellen Einrichtungen, nach Bereitstellung von individuell nutzbarem Lebensraum entsprechen. In diesem Sinne können Sie, liebe Wiesecker, eine wichtige Aufgabe erfüllen, indem Sie in hergebrachter Solidarität die Verfremdung und Verfälschung Ih- res Wohnorts verhindern und aus Ihrer Tradition heraus in bewährter Weise als Sauerteig in die Stadt Gießen- oder wie sie künftig heißen mag- hineinwirken.
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