zweifellos schwierigen Situation der Jahre 1932/33 für die meisten Menschen nicht mehr möglich gewesen wäre, die Demagogie Hitlers zu durchschauen und seiner Partei politisch zu widerstehen. Die Wie- secker Bevölkerung- wie das Dorf als Kommunalwesen- war auf Grund der soziologischen Struktur viel härter von Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise betroffen als die Stadt Gießen und das übrige Um— land, aber sie gab eine andere politische Antwort auf die Frage nach dem Weg des Reiches im Jahre 1932/33.
Sie wählte Verständnis, Demokratie und Frieden in einer Zeit, wo ei-— ne ständig wachsende Zahl von Menschen bereit war, die inneren und äußeren Feindbilder, die man vor ihnen aufbaute, anzunehmen und auf ausgleichende, besonnene Argumentation zu verzichten.
Kommen wir zum Ende und schließen wir den Kreis unserer Betrach- tungen mit einem Schritt in die Gegenwart.
Rein zufällig fällt dieses bedeutende Jubiläum in das europäische Denkmalschutzjahr. Dies gibt mir Veranlassung, nach der Zukunft die— ses Ortes zu fragen, nach der Funktion, die er im Rahmen der Stadt ausüben könnte, nach der Rolle seiner Bewohner, die sie in ihrem ei-— genen Interesse übernehmen sollten.
Wir stehen in einer Zeit tiefgreifender verwaltungstechnischer Verän- derungen, die uns vor allem in unserem Raum demnächst völlig neue kommunale Einheiten bringen werden. Die Zwangseingemeindung Wie- secks im Jahre 1939 war da nur ein bescheidener Anfang.
Nun wird niemand ernsthaft bestreiten wollen, daß solche Zusammen- legungen notwendig waren, ja daß sie in vielen Fällen sogar zu spät gekommen sind. UÜber die Art und Form der Durchführung gibt es ge-— teilte Meinungen; so wird man im Grund heute noch nicht beurteilen können, ob etwa die Gebietsreform im mittelhessischen Raum zwi- schen Dillenburg und Fulda geglückt ist.
lIch meine, hier liegen Chancen und Gefahren dicht beieinander. Es wird entscheidend davon abhängen- und das war ja eigentlich die In- tention der Verwaltungsreform-, ob die in der Verantwortung Ste— henden den freien Menschen in einer offenen Gesellschaft als Ziel- punkt ihrer Politik sehen.
Unser Wieseck wird nun nicht vom Nordostrand Gießens wegrücken, wie man das eine Zeitlang hoffen konnte; es wird vielmehr Nordost- rand einer fast doppelt so großen Stadt werden. Damit steht die ban- ge Frage im Raum, wird es nun nach seinem Namen auch die eigen- ständige Tradition und seinen durchaus noch sichtbaren Charakter als Dorf bzw. Vorort verlieren. Die 1200-Jahrfeier widerlegt eigentlich diese oft geäußerte Befürchtung, denn das Fest ist- das wissen wir alle, die daran Anteil haben- getragen und ausgerichtet von der Wie-
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