die Opponenten deuten darauf hin, daß sich über Klassen- und Ein-— kommensunterschiede hinweg Arbeiter, Kleinbauern und Handwerker solidarisch zeigten und dem jeweiligen Gegner der Arbeiterpartei eine klare Absage erteilten.
Besonders eindrucksvoll wird das in der eindeutigen Ablehnung der Antisemitenpartei, die von 1890 bis 1912 gerade im Wahlkreis Gießen die dominierende Rolle spielte. Während überall in der Umgebung Bauern und Kleinbürger den demagogischen Parolen der antisemiti- schen Führergestalten folgen und ihnen mit großer Mehrheit das Man-— dat verschaffen, bleiben diese in Wieseck völlig unbedeutend und er-— halten oft nicht einmal eine einzige Stimme. Diese Ergebnisse be- kommen einen bemerkenswerten Aspekt, wenn wir hören, daß es in Wieseck eine relativ starke jüdische Gemeinde von ca. 60 Einwohnern gab.
Dieses wache politische Bewußtsein, diese kämpferische Wahlentschei- dung verdanken die Wiesecker aber auch im wesentlichen der Aufklä- rungsarbeit und UÜberzeugungskraft bedeutender Sozialdemokraten, von denen hier der in Gießen geborene Parteigründer Wilhelm Liebknecht, der spätere hessische Staatspräsident Carl Ulrich, der spätere Reichs- kanzler Philipp Scheidemann und der erste Präsident der Weimarer Nationalversammlung Eduard David genannt werden sollen. Sie und manche andere pflanzten eine Hoffnung in die Herzen von Menschen, die ihre miserable Lage im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräftespiel des kaiserlichen Deutschlands richtig einzuschätzen gelernt hatten. Das ursprünglich als Abschreckung gemünzte Schimpfwort vom Roten Wieseckn, in dem des Kaisers Soldaten"Auftrittsverbot“ hat- ten, wurde von den Wieseckern selbst mit Gelassenheit zur Kenntnis genommen und verstärkte eher ihre Ablehnung der damals herrschen- den Gewalten.
Weniger aufwühlend als anderswo vollzieht sich denn auch in Wieseck der UÜbergang in die parlamentarisch-demokratische Republik von Weimar. Bei der ersten Wahl entschieden sich 95% für den demokra- tischen Weg. Auch alle folgenden Wahlen zeigen die konsequente Ab- lehnung der reaktionären und faschistischen Kräfte, die bis 1932 nicht über 24% hinauskamen, und selbst bei der unter massivem Terror und pausenloser Propaganda duchgeführten letzten halbwegs freien Reichs- tagswahl vom 5. März 1933 erhielt die NSDAP nicht mehr als 27,9% der Wiesecker Stimmen, während sie im Gesamtreich 43,9%, in Gie- ßen 51,9% und im Landkreis Gießen sogar 61,3% erreichte. Es ist müßig, die Frage zu stellen, was geschehen wäre, hätten alle Deutschen diese Wahlentscheidung der Wiesecker getroffen, aber diese Ergebnisse sind zweifellos ein beachtliches Zeichen für politische Rei- fe und widerlegen überzeugend die Schutzbehauptung, die leider auch noch durch manche unserer Geschichtsbücher geistert, daß es in der
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