Druckschrift 
Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
Seite
167
Einzelbild herunterladen

Ein eindrucksvolles und zugleich erschütterndes Dokument liegt uns aus dem Jahre 1850 vor. Die wörtliche Wiedergabe findet sich im hi- storischen Festbuch. Es ist- ich zitiere- die"Untertänigste Vorstel- lung und Bitte von Seiten der ärmeren Klasse der Ortseinwohner zu Wieseck, in der die Regierung um die Errichtung eines Freischulfonds angegangen wird, weil die Armut des größeren Teils der Bewohner so groß sei, daß die Kosten für Schulgeld, Lehrer(!) und Lernmittel nicht mehr aufgebracht werden könnten und nur der"tägliche Unter- halt im Taglohn kummervoll aus Gießen herbeigeschafft würde.

Hier fühlt der Leser dieses Dokuments aus den Wiesecker Schulakten das ganze Elend dieser besitzlosen Menschen, die sich von Staat und Kirche weitgehend im Stich gelassen sahen, und es wächst unser Ver- ständnis dafür, daß sie sich im Kampf um soziale Gerechtigkeit enger zusammenschlossen und solidarisierten.

Es konnte nicht ausbleiben, daß sich nun auch ein Gegensatz zur na- hen, von Universität, Garnison und Beamtenschaft bestimmten Stadt herausbildete, wie er bis dahin im 600 Jahre währenden Neben- und Miteinander nicht vorhanden gewesen war.

Trotz Festungsring und Stadtrecht hatte sich ja das Ackerbürger- städtchen Gießen um 1800 mit seinen knapp 5000 Einwohnern noch nicht allzu weit von dem gut 1000 Bewohner zählenden Dorf vor sei- nen Toren fortentwickelt. Jahrhundertelang verfolgte man gemeinsam lebensnotwendige Interessen, so vor allem in den Weidegebieten und den Markgenossenschaften Fernewald und Altenstruth, an denen man Anteil hatte; und wenn auch gelegentlich in Grenzgebieten, wie in der Wieseckau, Streitigkeiten nicht ausblieben, so ließ doch die gegen- seitige Abhängigkeit, wie z.B. im Hangelstein, unter der gleichen poli- tischen Herrschaft mehr Gemeinsamkeit als Konfrontation entstehen.

Das änderte sich nun entscheidend gegen Ende des 19. Ih., als sich die wirtschaftliche Situation der beiden Gemeinwesen unterschiedlich entwickelte und damit auch eine andere Struktur der Einwohnerschaft mit sich brachte. Jetzt entfaltete sich der Gegensatz Stadt/ Land zwi- schen Gießen und Wieseck in voller Schärfe.

Es gibt keinen besseren Seismographen, an dem dies abzulesen wäre, als die Resultate der allgemeinen politischen Wahlen. Sie zeigen be- trächtliche Unterschiede in der Wahlaussage zwischen Gießen und Wieseck und geben im übrigen einige erstaunliche Erkenntnisse über die angeblich so"rückständige Dorfbevölkerung. Leider verbietet es die Zeit, hier jetzt ins Detail zu gehen. Ich beschränke mich daher auf einige besonders bemerkenswerte Punkte:

So ist es z.B. augenfällig und im weiten Umkreis ziemlich einmalig, daß die SPD von 1890 bis 1912 in Wieseck regelmäßig auf 80-90% aller gültigen Stimmen kam. Die verschwindend geringen Zahlen für

167