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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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heitlicher Lebensgestaltung gegenüber staatlicher und kirchlicher Be- vormundung.

Dieser Liberalismus blieb aber in seiner Wirkung von Anfang an auf die bürgerlichen Interessen beschränkt. Der mit der rasch wachsenden Industrialisierung aufkommende neue Stand der Lohnarbeiter, der sog. vierte Stand, ist erst spät und dann oft nur begrenzt in den Genuß der neuen Freiheiten gekommen. Selbst als die liberalen Vorkämpfer für mehr Freiheit, Toleranz und Menschenwürde in eigener schwerer Auseinandersetzung mit widerstrebenden Gewalten standen, verweiger- ten sie den abhängig arbeitenden Schichten noch lange das Koalitions- recht und in fast allen entwickelten Staaten Europas auch die Gleich- berechtigung im Wahlrecht.

Die Freiheiten und Rechte, welche die in Lohnarbeit Stehenden im Laufe der Zeit erlangten, sind ihnen nicht geschenkt worden, sondern sie mußten sie sich selbst in langem Kampf um die Anerkennung ge werkschaftlichen Zusammenschlusses, um den Tarifvertrag, um Verkür- zung der Arbeitszeit, um eine gerechtere Behandlung in den Betrieben ertrotzen.

So behielt der Liberalismus- ebenso übrigens wie die Auseinanderset- zung um die soziale Frage- immer einen gewissen Kampfcharakter, und die Durchsetzung seiner auf Toleranz und die Anerkennung abwei- chender Meinungen zielenden offenen Gesellschaftsordnung stieß je und dann auf hinhaltenden Widerstand der Beharrungsmächte, deren Kraft uns Zeitgenossen des letzten Viertels des 20. Jh. gelegentlich dra- stisch vor Augen geführt wird, und dies nicht nur in einigen, jeweils mit Sondervoten versehenen Entscheidungen des höchsten deutschen Gerichts in jüngster Vergangenheit. An dieser Stelle wird es wieder Zeit, in unseren Betrachtungen nach Wieseck zurückzukehren.

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation der Bevölkerung in Wieseck im 19. Jh. hat über die angedeutete Entwicklung hinaus noch eine besondere Prägung erhalten. Zwar war die große Mehrheit der Einwohner bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jh. landwirtschaftlich orientiert, aber die Struktur blieb kleinbäuerlich, zumal die finanziel- len Folgen der Befreiung von den Lasten wegen der Zahlung von Ablösungsgeldern an die bisherigen Grundherren hart auf dem einzel- nen wie auf der Gemeinde lagen. Der Eisenbahnbau 1849/50 und die danach stärker einsetzende Industrialisierung im Raum Gießen-Wetzlar brachte in wachsendem Maße Möglichkeiten abhängiger Arbeit, die von denen gern ergriffen wurde, die von der Landwirtschaft nicht mehr ausreichend ernährt werden konnten. Innerhalb weniger Jahrzehnte fand eine durchgreifende Umschichtung der Wiesecker Bevölkerung statt: Die Zahl der ohne Haus- oder Grundbesitz existierenden Men- schen nahm beträchtlich zu, und um 1860 waren zwar noch über die Hälfte der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt, aber nur noch 20% der Einwohner hatten Grundbesitz.

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