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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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den weltlichen Gewalten lösen müssen, da diese enge Bindung sie ih- rem Auftrag entfremdet und von den Menschen getrennt hat. In einer Welt, die- im Gegensatz zum Mittelalter und der frühen Neuzeit alles andere als die ihre ist, hat die Kirche nicht die Entfaltung von Macht zu betreiben; sie sollte vielmehr dienen. Wo dies erkannt wird, ist auch der moderne Mensch von der Botschaft Jesu Christi zu errei- chen.

Kommen wir zum zweiten: Der Mensch in Staat und Gesellschaft.

Vom Zeitpunkt der ersten urkundlichen Erwähnung bis ins vorige Jahr- hundert waren die Bewohner unseres Dorfes Wieseck Untertanen oder wie es auch so treffend heißt Hintersassen, Menschen also minderen Rechts ohne politisch-gesellschaftlichen Einfluß, zumal in dieser Zeit des Feudalismus hier wie überall in den Dörfern auf dem Lande ausschließlich Bauern und kleine Handwerker in mehr oder weniger starker Abhängigkeit von ihren Grundherren lebten.

Zunächst, d.h. zur Zeit seines ersten urkundlichen Auftretens, zählte Wieseck zum Lahngau. Im Zuge der fränkischen Reichsreform, die das Gebiet der Gaue in Grafschaften aufteilte, findet sich das Gießener Becken mit seinen Randzonen in der Grafschaft an der mittleren Lahn, in der nach den Rupertinern die Konradiner im Namen des- nigs als Grafen die Reichsgewalt verkörpern. Karl der Große, der 768 zur Regierung gekommen war, betreibt in dieser Zeit den Ausbau sei- nes Frankenreiches- vor allem in der Auseinandersetzung mit den Sachsen-, wie es die Relikte königlicher Wehrhöfe in unserer näheren Umgebung erweisen: Das alte"Gronauer Schloßu über der Salzböde, die Königshöfe von Dreihausen und auch der Totenberg bei Treis sind eindrucksvolle Beispiele.

Mit dem Niedergang der zentralen Reichsgewalt gelangen dann in der zweiten Hälfte des 11. Jh. die Grafen von Gleiberg- ein bedeutendes Geschlecht des deutschen Hochadels- zur Grafenwürde, die inzwi- schen erbeigen geworden war, und unser Raum wird schließlich von der Mitte des 12. Jh. an- nach der Gründung der Wasserburg Gießen - von diesem neuen Machtzentrum im Wieseck-Delta bestimmt. Die Urkunden fließen spärlich in jener Zeit, doch wissen wir, daß Wieseck von Beginn an zur Herrschaft Gießen zählte, die sich als eigenes klei- nes Territorium von der alten Gleiberger Grafschaft abgesondert hat- te. Die Wasserburg und die sich anschließende junge Stadt waren ja nicht nur in der Wiesecker Marcau entstanden, sondern die neue Gründung hatte auch einen nicht unbeträchtlichen Teil des großen Wiesecker Waldes als Morgengabe- wir würden heute sagen Entwick- lungshilfen- mit auf den Weg bekommen. Nach dem durch Heirat er folgten UÜbergang der Teilgrafschaft Gießen von den Gleibergern auf die weit entfernten Tübinger Pfalzgrafen um 1200 gelangte schließlich

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