Nun, wundern wir uns nicht darüber! Der zweifelsfrei ehrwürdige Prä- lat der damaligen Landeskirche in Hessen-Darmstadt, Dr. D. Diehl, mit seinen 12 Bänden der"Hassia Sacrau ein bedeutender Kirchenhi- storiker, war einer der führenden Repräsentanten der monarchistischen und in weiten Teilen antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei.
Soll dies also ein Schwanengesang für die Kirche sein? Ein anti- kirchlicher Ruf zum hohen Wiesecker Geburtstag? Mitnichten!
Die seit dem 18. Jh. immer stärker vernehmbare Kritik am Inhalt der Lehre und an den Handlungen der Kirchen ist in unseren Tagen un- überhörbar geworden. Aber sie hat nicht zum Abbruch der Kirchen, sondern zu ihrem geistigen Aufbruch geführt, der sich gegen allen konservativen oder dogmatischen Widerstand durchgesetzt hat. Er wur- de eingeleitet durch die Erkenntnis eigener Fehler der Vergangenheit, so etwa in die der Mitverantwortung am Antisemitismus, pflanzte sich fort in der Rückbesinnung auf die Ursprünge und Fundamente der christlichen Botschaft und setzte spätestens seit dem 2. Vatikanischen Konzil(Reform) und den großen Kirchentagen Kräfte für die Zukunft frei: So wurde man toleranter gegen die anderen christlichen Glau- bensgemeinschaften, unbefangener gegenüber den nichtchristlichen Weltreligionen, bescheidener und offener hinsichtlich der in der Welt bestehenden gesellschaftlichen und politischen Systeme. Man begann auch die Fülle der Aufgaben für den einzelnen Christen in unserer Zeit zu erkennen, wie sie der sogenannte"“Markt der Möglichkeiten“ auf dem letzten Ev. Kirchentag beispielhaft aufgezeigt hat.
Dieser Aufbruch- und das ist das Neue, das Gute und Positive an ihm- kommt mehr von unten als von oben, er ist nicht diktiert und gelenkt, sondern eher inspiriert; er bewirkt das Eingehen auf den An- dersdenkenden, das z. B. auch Gespräche mit Marxisten möglich macht, und er nimmt es nicht mehr unwidersprochen hin, daß sich hohe Würdenträger der Kirche mit der wirtschaftlichen oder politischen Zielsetzung der Mächtigen in dieser Welt identifizieren.
Die Anerkennung der Religionsfreiheit, die Absage an das Staatskir- chentum, der Dialog mit Juden und anderen Nichtchristen, die ökume- nische Bewegung, die Beachtung der einzelmenschlichen Persönlichkeit vertragen sich nicht mit der viele Jahrhunderte lang praktizierten Machtpolitik der Kirchen und ihrer Gewissensnötigung, die natürlich noch keineswegs voll überwunden ist. Kritik an der Kirche, wie sie in diesem erfreulichen Dialog heute spürbar wird, ist immer auch Kritik an den gesellschaftspolitischen Zuständen der jeweiligen Zeit.
Der Prozeß, wie er im Gange ist, scheint mir bedeutungsvoll und schwierig zugleich; doch ist er ein Aufbruch, der uns hoffen läßt. Weite Teile der Kirchen und ihre Gläubigen haben erkannt, daß sie sich um ihres christlichen Auftrags willen aus der Verstrickung mit
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