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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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nicht nur von der Staatsräson, sondern auch von der Kirchenzucht be stimmt waren. Kirche und Pfarrer wurden häufig zu Helfern der Re gierung degradiert, von der sie weitgehend abhängig waren, und konnten so ihrem eigentlich christlichen Auftrag, Seelsorge und Näch- stenliebe zu üben, nicht gerecht werden. Die schweren Kirchenbußen oft eine Art zweiter Bestrafung- verhängt z.B. für Glücksspiel, Wahrsagerei, Lästerung, handgreifliche Auseinandersetzungen, Schwan- gerschaft vor der Ehe, Fernbleiben vom Gottesdienst u. a. m., haben der Kirche zwar Macht gegeben und Geld eingebracht, aber ihrem Auftrag nicht entsprochen.

Noch deutlicher wird der erschreckende Unterschied zwischen christli- cher Botschaft und kirchlicher Praxis, wie in jener Zeit des Staatskir- chentums der Ablauf von Taufe, Hochzeit oder Beerdigung auswies, welcher gesellschaftlichen Klasse die betreffende Familie zuzuordnen war.

Erst im 19. Jh. lockerten sich diese Vorschriften allmählich, ohne daß die enge Bindung der Kirche an die weltliche Macht und deren Inter essen nachließ.

UÜber das Versagen der offiziellen Kirche in der aufkommenden sozia- len Frage ist genug geschrieben und gesagt worden; doch haben sich die Folgen solchen Versagens in Dörfern von der Struktur Wiesecks besonders kraß gezeigt. Damals begann die sog. Entkirchlichung stadt- naher Gemeinden mit meist kleinbäuerlichen Betrieben und der rasch wachsenden Zahl abhängiger Lohnarbeiter. Doch wer darf eigentlich als Christ in hochmütiger Weise über jene Wiesecker den Stab bre- chen, die irgendwann im 19. Jh. nach dem Einbrechen sozialer Not und in dem Gefühl der Verlassenheit dem Gotteshaus den Rücken kehrten, weil sie spürten, daß diese Kirche mehr in der unseligen Verknüpfung von Thron und Altar ihre Aufgabe sah, als in der Seel- sorge und Fürsprache für die Armen und Unterdrückten. Lassen Sie mich an Beispielen aus Wieseck aufzeigen, wie diese Einstellung der Amtskirche noch bis in unser Jahrhundert das Handeln bestimmte:

Da geschahen- es war kurz vor dem 1. Weltkrieg- in einer Woche zwei Selbstmorde. Die kirchliche Chronik- vom damaligen Pfarrer verfaßt- spricht in dem einen Fall von einem ehrenwerten Glied der Gemeinde, das wohl aus tiefer, aber unerklärlicher Depression gehan- delt hätte, im anderen Fall aber von einer leichtfertigen Person, de- ren Lebenswandel diesen Schritt erklärlich mache. Oder: Da kommen- tiert in den 20er Jahren die Kirchenchronik in Wieseck die Namenge- bung Platz der Republik mit den Worten"Hört! Hört!, die Beerdi- gung einer Freidenkerin wird beschwörend beklagt, dem Pfarrer miß fällt es, daß die Stelle des Friedhofsaufsehers einem Mann übertragen wird, der aus der Kirche ausgetreten war und daß das Frei Heil! der zu Beginn der 20er Jahre neu auftretenden Arbeiterfußballer das Gut Heil! der- wie er schreibt- unpolitischen Turner übertöne.

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