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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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772 von Karl d. Großen zur Reichsabtei erhoben-, nur kurze Zeit später im Jahre 778 schenkte der Abt Beatus seine Eigenkirche in Wieseck dem Kloster Honau. Es ist dies einer der seltenen glücklichen Fälle, wo in jener frühen Zeit nicht nur der Gemarkungs- oder Orts- name, sondern auch schon eine Kirche als Bauwerk erwähnt sind.

Diese Schenkungen, die nicht lange nach der Christianisierung unserer Gegend erfolgten, künden bereits von dem tiefgreifenden Einfluß, den der christliche Glaube auf das Leben der Menschen ausübte, wobei die Handlungen der geistlichen und weltlichen Herrenschicht Vorbild wa- ren und Nachahmung fanden.

In der vorreformatorischen Zeit können wir von einer relativ großen Einheitlichkeit des christlichen Glaubens und der Kirche sprechen. Es ist auch unbestreitbar, daß die Kirche, die ihre Eigenständigkeit ge- genüber den weltlichen Gewalten betont und bewahrt hatte, den Wen- schen des Mittelalters Lebensimpulse gegeben und Hilfen geleistet hat, vor allem im ökonomischen Bereich. Sie machte so das Leben er- träglicher, ohne allerdings die Gläubigen aus der Unmündigkeit zu entlassen.

Erst durch Reformation und Gegenreformation änderte sich das Ver hältnis des Menschen zur Kirche grundlegend. Auf der einen Seite wurde von nun an der universelle Anspruch der Kirche, das Leben nach den Regeln der 10 Gebote und des kanonischen Rechts zu ord- nen, immer stärker in Frage gestellt, andererseits wurde durch den Augsburger Religionsfrieden von 1555 die Freiheit des Glaubens ja nur für den Landesherrn gewährt, während die Untertanen nach dem spä- ter so bezeichneten Grundsatz"cuius regio, eius religiou ihm zu fol- gen hatten oder auswandern mußten. Die ersten Flüchtlingstrecks der Neuzeit zogen durch Europa, aber es war für den einzelnen Unterta- nen des lutherischen Landgrafen von Hessen-Darmstadt aus Wieseck oder Lollar recht schwierig, die Auswanderungserlaubnis ins ufeindli- che Auslandu nach Treis oder Sichertshausen zu erhalten, wo der cal- vinistische Kasseler Landgraf ein streng reformiertes Regiment führte.

Am Rande sei hier vermerkt, daß wir in Gießen über diesen damals unversöhnlichen Gegensatz im protestantischen Lager nicht so laut klagen dürfen, denn wir verdanken ihm die Universität, die als Gegen- gründung zur Marburger dem theologischen Streit entstammt.

Im Zuge der Herausbildung des absolutistischen Staates und unter der Notwendigkeit, sich unter seinen Schutz zu stellen, ging die Kirche nun auch jene allzu enge Bindung zum Staat ein, die das Verhältnis der beiden zueinander- bis in die Gegenwart nachwirkend- stark be- lastet und dem christlichen Glauben sehr geschadet hat.

Ein Blick in die Kirchenbücher unserer Heimatgemeinde zeigt uns dar- über hinaus, wie nun im 17. und 18. Ih. Gesetz, Ordnung und Sitte

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