Verhandlung interessiert war, sondern sich auch bemühte, den politi-— schen Charakter des Verbrechens zu ignorieren, es tunlichst zu ver— meiden, die eigentlichen Drahtzieher zu finden, die Entstehung und den Charakter der Feme in den rechtsgerichteten Verbänden zu durchleuchten.
So löste der Prozeß und sein Ausgang in den nationalistischen Kreisen ein befriedigtes, ja befreites Lächeln aus; bei den staatstragenden, die parlamentarische Republik von Weimar bejahenden, Kräften aber regte sich Unwillen und Mißmut und ein bitteres Ahnen drohenden Unheils. Die Frankfurter Zeitung vom 1. April überschrieb ihren Kommentar „Unvollkommene Sühne“; die Oberhessische Volkszeitung in Gießen meinte unter der Uberschrift:“Feme-Blutgericht und Schwurgericht“:
nDas Rechtsgefühl breitester Volksmassen aber lehnt sich gegen das ergangene Fehlurteil auf..-Die republikanischen Volkskreise fordern ei- ne restlose und rücksichtslose Aufklärung der Feme-Bluttaten. Der Ausgang des Gießener Prozesses schuf keine Beruhigung. Der Vorhang ist nur scheinbar SSfallen. In Wirklichkeit ist er noch gar nicht aufgezogen worden“105.
Wie wenig das Wollen und Wirken der'Geächteten“ der frühen 20er Jahre das erreicht hat, was sie sich aus ihrem irrealen gesellschaftli- chen Bewußtsein und fehlgeleiteten Idealismus vorstellten, zeigt der weitere Lebensweg der Angeklagten des Gießener Prozesses.
Nach dem UÜbergang der- ungeliebten- Republik in die totalitäre Diktatur Hitlers, eine Veränderung der Staatsform, wie man sie so weder gewünscht noch erwartet hatte, verbleibt Ernst v. Salomon— scheinbar resignierend— außerhalb des Parteiapparates, leistet aber in Wirklichkeit seelisch-geistigen Widerstand im freilich sehr eingeengten Bereich des Künstlerischen; Friedrich Wilhelm Heinz aber tritt- ent-— sprechend seinem Charakter und Temperament- die Flucht nach vorn an, läßt sich in der Wehrmacht, der einzigen von Hitler und dem Ein- fluß der Partei noch teilweise freien Sphäre, reaktivieren, jedoch nicht, um dem Diktator und seiner bereits früh angezweifelten Ideolo- gie zu dienen, sondern vielmehr im Kreis um Canaris, dem er schon seit dem Ende des ersten Weltkriegs verbunden war, den Sturz des Hitler-Regimes in verzweifelter Aktion zu unterstützen, vielleicht um den alten Traum von der Restaurierung der Monarchie in Deutschland doch noch zu verwirklichen 106.
105 Oberhessische Volkszeitung Gießen vom 1. April 1927, Seite 1, Kommentator: A. J.
106 In zwei Gesprächen(am 26.2.1974 in Bad Nauheim und am 2.5.1974 in Wiesbaden) teilte mir die Witwe, Frau Hedwig Heinz, 62 Wiesbaden, Hermann-Gitter-Str. 16, noch folgende Einzelheiten aus dem Leben ihres Mannes mit: Friedrich Wil-—
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