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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Verhandlung, fragte wenig oder gar nicht nach Motivation und Hinter- grund, wollte den Prozeß zügig führen, übersah aber dabei, wie we sentlich manche Beweisanträge der Anklagevertretung gewesen wären, die er ablehnte. Gelegentlich störte ihn auch das manchmal allzu pe- netrant wirkende Bohren des Staatsanwalts?5. Hinzu kam, daß er ihn persönlich wenig schätzteꝰ4.

Die Landgerichtsräte Dr. Brill und Küchler, seriöse, völlig unpolitische Richter, als Beisitzer traten während des Prozesses nur wenig in Er scheinung. UÜber Namen und Herkunft der Schöffen, ihre politische Einstellung und ihre Aktivität während des Prozesses ließ sich aus den zur Verfügung stehenden Quellen leider nichts in Erfahrung bringenꝰ6.

Von den drei Rechtsanwälten nahm der Göttinger Verteidiger des An- geklagten v. Salomon, Dr. Luetgebrune, eine Ausnahmestellung ein. Es soll in Gießen sein 50. politischer Prozeß gewesen seinꝰ?7, und selbst wenn diese Zahl etwas übertrieben scheint, darf doch unterstellt wer- den, daß er die Erfahrung mitbrachte, wie man in den Prozessen sol- cher Art die offenen und geheimen Feinde der Republik am geschick- testen verteidigen konnte. Seine Einstellung und Haltung wird aus ei- nem Buch deutlich, das er ein Jahr später publizierte und in dem er seine Erlebnisse in Femeprozessen niedergelegt hat9s. Der Anwalt des Angeklagten Schwing, Rechtsanwalt Luley aus Gießen, später enga- gierter Anhänger Hitlers und Alter Kämpfer, verlegte sich während des Prozesses im wesentlichen darauf, die Hauptschuld Kern zuzuschie- ben; im übrigen plädierte er für seinen Mandanten auf Freispruch we- gen§ 51 StGB. Bei der Verteidigung von Heinz legte dessen Anwalt Schlink aus Gießen das Schwergewicht seiner Argumentation immer wieder darauf, das Nichtbestehen der Organisation Consul zur Tatzeit zu behaupten, die Feme als Erfindung hinzustellen und die Glaubwür- digkeit von Belastungszeugen mit allen Mitteln zu erschüttern. Der Ausgang des Prozesses hat bewiesen, daß ihm dies gelungen istꝰ9.

hat er einer studentischen Korporation angehört. Cramer wur- de am 1.10.1933 vom Reichsstatthalter Sprenger in den Ruhe- stand"versetztu. Er galt in Gießen eher als"linksstehendu.

95 Uber das politische Bewußtsein der Richter in der Weimarer Republik siehe Hannover(s. Anm. 5), S. 31 ff. 96 Mehrere Gesprächspartner, die als Zuschauer den Prozeß miter-

lebten, konnten hierzu nichts aussagen. Auch die noch vorhan- denen Prozeßakten oder die Presseberichte nennen die Namen der Geschworenen nicht.

97 Salomon, Der Fragebogen, S. 143.

98 W. Luetgebrune, Wahrheit und Recht für Feme, Schwarze Reichswehr und Oberleutnant Schulz(München 1928).

99 UÜber den problematischen Freispruch wurde schon berichtet. RA Schlink mußte bald darauf wegen Unterschlagung von Man-

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