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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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zeufter Anhänger der parlamentarischen Demokratie zu tragen hat- te?I. Er war ein empfindsamer Mensch, der sich während des Prozes- ses nicht selten entschuldigen zu müssen glaubte, wenn er eine Frage scharf formulierte oder bei einer umstrittenen Aussage mit Nachdruck reagierte. Die Stimmung im Saal entsprach der Stimmung in der klei- nen Universitäts- und Garnisonsstadt Gießen, die von Deutscher Volks- partei(DVP) und Deutschnationaler Volkspartei(DNVP) ziemlich deutlich bestimmt wurde; diese Atmosphäre konnte auch Weidemann nicht ganz unberührt lassenꝰ².

Der Vorsitzende des Schwurgerichts, Landgerichtsdirektor Cramer, be- jahte zwar den Staat von Weimar, blieb im übrigen aber im vorpoliti- schen Raum und betrachtete die Justiz als einen Bereich, der außer- halb des Tagesgeschehens und unbeeinflußt von politischen Einstellun- gen zu agieren habe und in streng positivistischer Weise sich nur der Findung des Rechts zu widmen hätte?3. Seinen Aufstieg verdankte er der'eigenen Tüchtigkeit und nicht irgendeiner Protektion; er lebte- wie man damals gern zu sagen pflegte- für seinen Beruf und seine Familie und kümmerte sich nicht um Politikꝰ4. So führte er auch die

91 Gespräch mit dem Sohn Hubert Weidemann am 156.7.1973: Mein Vater wurde 1919 zunächst Mitglied der Deutschen De- mokratischen Partei(DDP); z.Z. des Prozesses gehörte er der Zentrumspartei an. Die Monarchie oder eine irgendwie geartete Rechtsregierung lehnte er immer strikt ab.

92 Siehe hierzu E. Knauss in: Mitteilungen des Oberhessischen Ge- schichtsvereins 45(1961), S. 54 und S. 59: Im März 1925 er- hielt der Kandidat der vereinigten Rechten(Jarres) im 1. Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl in Gießen 49,2% der Stimmen.- Im 2. Wahlgang am 25.4.1925 erhielt Hindenburg in Gießen 60,1% der Stimmen.- Bei der Landtagswahl in Hessen (Darmstadt) am 13.11.1927 erhielten die Rechtsparteien(DVP, DNVP+ Landbund) in Gießen 48% der Stimmen. Die Reichs- tagswahl vom Mai 1928 erbrachte in Gießen für DVP und DNVP zusammen immerhin noch 37,2% der Stimmen.- Zur allgemei- nen politischen Entwicklung im Volksstaat Hessen siehe das in Anm. 24 zitierte Buch von E. Schön; vgl. außerdem: Friedrich P. Kahlenberg, Die Berichte Eduard Davids als Reichsvertreter in Hessen 1921- 1927(Wiesbaden 1970, auch: Geschichtliche Landeskunde 6), darin z. B. Dokument Nr. 29, S. 48 ff.

93 Dazu Salomon, Der Fragebogen(s. Anm. 25), S. 142"Cramer peitschte die Verhandlung richtig durch, sachlich und immer das Wesentliche aus den Hunderten von einander widersprechen- den Zeugenaussagen herausholend.

94 Gespräch mit dem Sohn Walter Cramer am 7.9.1973:"Mein Va- ter war weder zu irgendeiner Zeit Mitglied einer Partei, noch

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