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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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zuletzt mit der zweimaligen Entlassung des Heinz aus der Untersu- chungshaft zusammenhängen. Nur so konnten die treibenden Kräfte im Hintergrund, die Drahtzieher und Geldgeber der dunklen Affäre durch dichte Schleier gedeckt werden.

Zur Abrundung des Bildes ist es nun aber doch notwendig, auch den anderen Prozeßbeteiligten bis hin zum zuhörenden Publikum noch einige Aufmerksamkeit zu schenken.

Staatsanwalt Weidemann hat in einem fast vierstündigen Plädoyer sein Bestes versucht. Er, der während aller Verhandlungstage im Kreuz- feuer von Verteidigern und Angeklagten stand und oft- einsam kämpfend- nicht einmal immer die gebotene Unterstützung des Vor- sitzenden hatte, wenn er unqualifiziert angegriffen wurde, wuchs über sich hinaus, als er den Hintermännern dieses feigen Fememordversuchs die Masken herunterriß, indem er die Frage in den Raum stellte, wo- her das viele Geld geflossen sei, das für Vorbereitung und Ausführung dieser Tat notwendig war. Er wies auch klar nach, daß die Fäden zur Schwarzen Reichswehr und bis zum Wehrkreisgruppenkommando der le- galen Reichswehr in Kassel führten, wo die Beseitigung des Wagner gewünscht wurde. Weidemann sprach ferner offen aus, daß die Organisation C. hinter der Tat stand und ihre Nachfolgeorganisation, der Wikingbund, die Liste über Spione mit dem Kasseler Wehrkreiskom- mando austauschte.

Der damalige Regierungsassessor Dr. W. Schmidt, der im Auftrag des Berliner Polizeipräsidenten dem gesamten Prozeß beigewohnt hatte, sagte nach Weidemanns Plädoyer:

Herr Justizrat, Ihre Anklagerede war ein Meisterstück. Ich war im Auftrag meiner vorgesetzten Behörde bei ca. 20 Fememordprozessen zugegen, aber noch nie hat ein Staatsanwalt mit der Wärme und Hin- gabe an den neuen Staat gesprochen wie Sie. Ich war vor einigen Ta- gen in Darmstadt bei dem Staatspräsidenten Ulrich und dem Justizmi- nister Brentano und habe ihnen erzählt, auf wie schwierigem Posten Sie hier stehen und wie Sie kämpfen..0

Und doch zeigte auch Weidemann Schwächen, und seine Grenzen bei der Vertretung der Anklage wurden ihm häufig genug auch noch de- monstriert. Da waren die Zuhörerbänke, von denen nicht selten Fragen und Stellungnahmen Weidemanns mit Lachen oder Murren quittiert wurden, da traten Angeklagte und Zeugen oft sehr impertinent und lautstark gegen ihn auf, und der Vorsitzende gebrauchte in solchen Fällen seine Amtsautorität nur selten zum Einschreiten. Weidemann selbst litt stark unter der Last der Verantwortung, die er als über-

90 Bericht des Justizrats Weidemann an den Gießener Oberstaats- anwalt vom 29.4. 1931 in Stà Darmstadt(s. Anm. 14).

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