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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
Seite
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viel bekannteren Buch 1Der Fragebogen hat v. Salomon sich nach dem 2. Weltkrieg wiederum zu den Vorgängen des Jahres 1922 in Bad Nauheim und zum Gießener Prozeß von 1927 geäußertss. Diesmal schildert er den Mordversuch sehr viel kürzer, kommt aber dafür um so eingehender auf den Prozeßverlauf zu sprechen. Dabei brachte er Vorgänge zu Papier, die in seinem Buch von 1930 nicht in Andeutun gen zu finden sind. Was er da schreibt, z.B. über seinen angeblichen Rücktritt vom Mordversuch, über das Verhalten des Wagner, über die Widersprüche, die er durch Fragen bei der Tatortbesichtigung in der Beweisführung der Anklage aufdecken und zu seinen Gunsten auslegen konnte, all das taucht weder in den amtlichen Prozeßprotokollen noch in den zahlreichen Presseberichten auf. Dabei wäre es, wenn es wirk- lich so, wie Salomon schildert, abgelaufen ist, eine echte Entlastung für ihn gewesen und hätte dem Staatsanwalt jede Nöglichkeit entzo- gen, auf Mittäterschaft beim Mordversuch zu plädieren.

Deutlich voneinander abweichend sind in seinen beiden Büchern die Darstellungen des Lokaltermins am Bad Nauheimer Teich. Sie gleichen sich jedoch in der märchenhaften Art der Detailschilderung und pas- sen so gemeinsam gut in das Konzept der Verharmlosung der Ereignis se wie der positiven Charakterisierung der Tatbeteiligten. Ebenso phantasievoll wie unglaubwürdig wirken in seinem zweiten Buch auch noch andere Schilderungen, so z.B. daß ihn der Gerichtsvorsitzende nach dem Lokaltermin mit einem Gefängnisbeamten zum Essen in uein gutes Lokal in Bad Nauheim geschickt habe, daß er als der einzige Häftling im Gießener Gefängnis aus der guten Küche des Gefängnisin- spektors verpflegt worden sei und daß Staatsanwalt Weidemann ihm nach Schluß der Urteilsbegründung auf die Schulter geklopft habe und dann Wagner, sein Opfer', auf ihn zuschob, wie ihm Wagner schließ- lich seine Hand gegeben hätte und gesagt hätte, eigentlich sei er ihm dankbar; damals sei er ganz auf der schiefen Ebene gewesen, die Tat habe ihn zur Besinnung gebracht 89.

Kein Wort steht hierüber in Salomons erstem Bericht; kein Hinweis findet sich in den Akten oder den Presseberichten, die diese und an- dere von Salomon geschilderten Vorgänge je nach Einstellung für oder gegen ihn ins Feld geführt hätten. So bleibt als Resümee die Feststel- lung, daß Salomons Bücher zwar einige Ergebnisse des Prozesses be- kräftigen, einige Verdachtsgründe nachträglich als wahr erweisen, vie- les von dem, was die Anklage vortrug, als richtig bestätigen, im gan- zen aber doch kaum hinreichen, um ein objektives Bild vom Tather- gang 1922 in Bad Nauheim oder vom Prozeßablauf 1927 in Gießen zu geben.

88 Der Fragebogen, S. 140- 148. 89 Ebd., S. 141 f.

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