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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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rer Krankheit(durch die Aufregungen des Prozesses) fast ein Jahr dienstunfähig war, ließ sich am 1.3.1933- also noch vor der Macht- übernahme der Nationalsozialisten in Hessen- mit Wirkung vom 1.8. desselben Jahres pensionieren und verzog nach München, wo er 1940 nach langem Siechtum starb80.

Ernst v. Salomon aber hat Weidemann um mehr als 30 Jahre überlebt und hat uns in seinen beiden Büchern die beste Darstellung der nkrausen, gleichzeitig nihilistischen und nationalistischen Denkweise der Fememörder und ihrer Kreise und Vereinigungen hinterlassensl. Er gibt dabei eine Reihe von Ansichten und Kußerungen wiedersz, die deutlich zeigen, wie er und seine Freunde einem irrationalen Tatmy- thos huldigten, aus dem ihr kurzgeschlossenes Gewaltdenken resultier- tes3. Er spricht sehr offen über seine Tätigkeit im Freundeskreis, gibt die Mordabsicht an Wagner und ihr Zusammentreffen mit dem Hauptmann der Spitzelabwehr in Kassel zu, wobei Kern, Heinz und ihm Spitzelverzeichnisse mit Wagners Namen übergeben wurdens4. Hier wie in seinem zweiten Buchs5 wird nicht nur die Teilnahme von Heinz an den Vorbereitungen der Nauheimer Tat deutlich, sondern auch un- umwunden der geplante Mord, quristisch also ein Mordversuch zugege- ben. In seinem Vorkriegsbuchsé schildert Salomon ausführlich die Er- eignisse der Nacht vom 4. auf den 5. März 1922 unter der Uberschrift Feme. Die breite Schilderung des Tatablaufes ist teilweise poesie- voll ausgeschmückt, wobei auffällt, daß Salomon hier wie im Fragebo- gen den dritten Täter Schwing überhaupt nicht erwähnt.

Am Ende seines Buches"Die Geächteten kommt Salomon auch auf den Prozeß in Gießen zu sprechen. Auch hier die gleiche Sprache wie beim Tatablauf, pathetisch und an das Gefühl des Lesers appellierend, so etwa, wenn er von seiner Begegnung mit dem(Opfer! Wagner vor Gericht spricht, als dieser gegen ihn aussagen sollte, oder- noch stärker- beim Lokaltermin in Bad Nauheim, wo er zum Schein noch einmal mit Wagner"rangeln und"kämpfen mußte und wo dann im hautnahen Gegenüber von Angesicht zu Anee icht angeblich plötzlich der Funke ehemaliger Kumpanei übersprangs?. In seinem zweiten, sehr

80 Mitteilung seines Sochnes Hubert Weidemann, München, vom 16.7.1973. Das Pensionierungsdatum nach dem Hessischen Regierungsblatt(1933), S. 26.

81 Gumbel(s. Anm. 5), S. 44.

82²2 Die Geächteten(siehe Anm. 25), z. B. S. 237, 244, 356; dassel- be(Ausgabe 1962, rororo 461/462), S. 213.

83 Hannover(s. Anm. 5), S. 121.

84 Salomon, Die Geächteten(s. Anm. 25), S. 309, 138 ff., 329.

85 Salomon, Der Fragebogen(s. Anm. 25), S. 144.

86 Die Geächteten, S. 330 f.

87 Ebd., S. 537.

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