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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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bemerken zu dürfen, daß es sich bei dieser Besprechung nicht um eine Bettelei handelt, sondern Herr Kapitän Ehrhardt will den Herren in einem kurzen Vortrag nur seine Ziele auseinandersetzen, die zu einer Einigung innerhalb der Kreise führen sollen, die auf nationalem Boden stehen, um die Herren zur Mitarbeit zu gewinnen. Es ist bekannt, daß Herr Kapitän Ehrhardt innerhalb der vaterländischen Bewegung und in anderen nationalen Kreisen große Erfolge in der Erstrebung einer na- tionalen Einheit erzielt hat. Auch in anderen Städten haben derartige Besprechungen mit Wirtschaftsführern stattgefunden und zu vollem Er- folg geführt. Nach Eingang der Stellungnahme.- Falls ich bis zum 1.4.1927 keine Antwort erhalten habe, betrachte ich die Angelegenheit als erledigt. Ich bitte noch hinzufügen zu dürfen, daß ich im Auftrag des Herrn Kapitän Ehrhardt in meiner Eigenschaft als Leiter der Ehrhardtbewegung für den Westen Deutschlands handele

Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung v. Fichte

Dieses Rundschreiben veranlaßte die Oberhessische Volkszeitung', das Organ der SPD für Gießen und die Provinz Oberhessen, zu folgendem bissigen Kommentar:

Der Zeitpunkt dieser Einladung erscheint nicht ohne besondere Be- deutung. Glauben die Ehrhardt-Leute, während und nach dem Feme- mordanschlag-Prozeß hier eine lebhafte Agitation entfalten zu müssen? Glauben sie hier neue Geldgeber und Mitglieder gewinnen zu können? In dem laufenden Schwurgerichtsprozeß wird nur über eine Feme-Ge- walttat verhandelt. Aber ein Gespenst geht um im Gerichtssaal! Der Name wurde im Prozeß nicht genannt und doch wartet ein Toter auf die gerichtliche Sühne. Die Ermordung des Marineoffiziers Tackenberg, der Mitglied der Leibgarde Ehrhardt war und dessen Leichnam zwi- schen Bad-Nauheim und Butzbach, dicht an den Bahnschienen, aufge- funden wurde, war ein Werk der Fememord-Organisation. Die Nervosi- tät der nationalistischen Führer ist begreiflich. Die Werbearbeit der Ehrhardt-Leute wird mit aller Aufmerksamkeit beobachtet werden müssen41.

Bereits im Sommer 1926, als die Verhaftungen des Schwing und spä- ter des Heinz erfolgten und man noch nicht wußte, ob Wagner noch am Leben war, wurden in der Presse Vermutungen laut, daß der Tod Tackenbergs am Bahndamm zwischen Butzbach und Bad Nauheim kein Unglücksfall gewesen sein könnte, sondern wegen seiner früheren Zu-

40 Oberhess. Volkszeitung, Gießen Nr. 74, vom 29. März 1927. Der Bericht erschien also während des Prozesses; wahrscheinlich hatte die SPD-Zeitung nicht eher Kenntnis erhalten. Der bür- gerliche Gießener Anzeiger!(DvP) erwähnt diesen Brief nicht!

41 Oberhessische Volkszeitung, Gießen Beilage zur Nr. 74 vom Dienstag, dem 29. März 1927.

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