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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Wir sprechen nicht von einem Justizskandal. Aber wir sprechen von einem Skandal der Oberstaatsanwaltschaft Gießen und von einer Ge- fahr für die deutsche Justiz. Wir stellen fest. Wir lernen. Und wir werden uns erinnern38.

Dies führte dazu, daß sich die Gefängnisbeamten einer sehr unange- nehmen Nachprüfung und Untersuchung unterziehen mußten. Im übri- gen glaubten sowohl der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Keller, wie der Oberstaatsanwalt in einem längeren Bericht an ihre vorgesetz- te Behörde berichten zu müssen. Sie zogen aber aus dem Pamphlet nicht die einzig mögliche Konsequenz: Strafantrag stellen! Hoos dazu in seinem Bericht vom 20.2.1927:

Was nun die Frage angeht, ob es angezeigt sei, Strafantrag zu stel- len, so stehe ich auf dem gleichen Standpunkt wie der Untersuchungs- richter. Ich habe keine Lust, auch noch meinen- bisher wenigstens nicht genannten- Namen durch mehr als die'Standarte! gelesene Zeitungen schleifen zu lassen und zu entsprechenden Kommentaren Anlaß zu geben...

Untersuchungsrichter und leitender Staatsanwalt hatten also nicht die Zivilcourage, schon vor dem Prozeß Angriffe gegen den Rechtsstaat mit staatlichen Mitteln abzuwehren, wie das an sich ihre Pflicht ge- wesen wäre.

Trotz erheblicher Proteste der Gießener Staatsanwaltschaft und vor allem Justizrats Weidemann als Vertreter der Anklage wurde der Angeschuldigte Heinz am 16.2.1927 erneut aus der U-Haft entlassen, nachdem eine Kaution von 10 000,- Reichsmark gestellt worden war. Auch der Hinweis auf eine erhöhte Verdunkelungsgefahr, die- wie sich während des Prozeßverlaufs dann herausstellen sollte mehr als begründet war, konnte diesen Beschluß des Oberlandesgerichts nicht verhindern.

Kurz vor Beginn des Prozesses geschah noch etwas sehr Merkwürdiges: Ein Herr v. Fichte aus Kassel(Reginastr. 16) verschickte an etwa 60 () Gießener Bürger, die fast ausnahmslos der Oberschicht angehörten, ein Rundschreiben mit einer Einladung, in dem es u. a. heißt:

Euer Hochwohlgeboren bitte ich sehr ergebenst um gütige Mitteilung, ob Euer Hochwohlgeboren evtl. bereit wären, an einer Besprechung teilzunehmen, die Herr Kapitän Ehrhardt mit einzelnen führenden Her- ren der Wirtschaft Anfang April in Gießen abhalten will. 39 Ich bitte,

38 Standarte Zeitschrift des neuen Nationalismus, Jahrgang 1/ Heft 22 vom 9.12.1926, S. 532 ff., Herausgeber: Fr. Schau- wecker.

39 Ich konnte nicht feststellen, ob diese Besprechung wirklich

stattgefunden hat.

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