Am 4.9.1926 verlautete aus dem Pressedienst der SPD, daß man den vermißten früheren Hauptmann(?) Wagner, das"Opfer“ von Bad Nau- heim, in Berlin ermittelt habe. Er werde als Zeuge gegen die verhaf- teten Schwing und Heinz und den bereits in Strafhaft sitzenden v. Sa- lomon aussagen. Zweifel an der Aussagewilligkeit des Wagner werden in einem Schreiben des Frankfurter Polizeipräsidenten laut, der darauf hinweist, daß Wagner die Täter kennt, sie aber nicht bloßstellen wird, um eigene Strafverfolgung wegen der Dithmar-Befreiung zu vermeiden.
Der Gießener Oberstaatsanwalt Hoos hatte Mitte September 1926 die Voruntersuchung beim Landgericht Gießen einleiten lassen. Aber be- reits nach knapp zwei Monaten- Mitte November- ereigneten sich einige merkwürdige und teilweise nicht erklärbare Dinge, die der gan- zen Angelegenheit bereits vor dem Prozeß einen eigenartigen Anstrich gaben. Zunächst meldete die Reichspressestelle des"Stahlhelm“, daß ihr Schriftleiter Heinz aus der U-Haft entlassen worden war. Gleich- zeitig griff die Presse den Fall erneut auf und stellte dabei fest, daß zur gleichen Zeit der Angeklagte Schwing zur Beobachtung in die Gie- ſener"Irrenanstalt“ verbracht worden war. Nun geriet Hoos ins Kreuzfeuer der Kritik sowohl linker wie rechter Zeitungen, was ihn zu einer 18seitigen Rechtfertigungsschrift an seine vorgesetzte Dienst- stelle, den Generalstaatsanwalt in Darmstadt, veranlaßtes2. Dort heißt es am Schluß:
Daß diese Haftentlassung(des Heinz) 33 in manchen Teilen des deut- schen Blätterwaldes einen Sturm hervorrufen werde, habe ich in der heutigen Zeit einer ständigen Kontrolle der Justiz durch Presse und Politik selbstverständlich vorausgesehen. Ich konnte aber pflicht mãßig nicht anders handeln und würde morgen, unbekümmert um die Folgen, wieder so handeln müssen. Daß meine Prüfung wie die einer jeden an- deren landläufigen Strafsache rein objektiv und ohne jede, auch nur die leiseste Einwirkung politischer Gefühle oder Erwägungen erfolgt ist, brauche ich wohl nicht besonders zu betonen. Alle Anwürfe miß- gesinnter und mißgestimmter Zeitungen reichen nicht an mich her- an³4.
Für mich gibt es an sich schon überhaupt keine Politik, am allerwe- nigsten aber in der Rechtspflege und im Dienste.
Ich werde nach alledem demnächst- falls nicht etwa wider Erwarten unvorhergesehene wesentliche Belastungsmomente hinzutreten sollten-
32 StàA Darmstadt(s. Anm. 14).
33 Frankfurter Zeitung vom 16.11.1926: Eriedrich Wilhelm Heinz war vor der Nauheimer Geschichte schon in eine große Reihe ähnlicher Affären verwickelt. Nun hat ihn Herr Seldte zu sei- nem Vertrauensmann gemacht“.
34 Oberstaatsanwalt Hoos bezieht sich hier natürlich nur auf Zei- tungen der staatstragenden Parteien der Weimarer Koalition und auf Publikationen der äußersten Linken.
123


