Druckschrift 
Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
Seite
118
Einzelbild herunterladen

in Naumburg wohnte und dort der Leiter der Organisation Escherichl¹? war. Nachdem"man die Bedürftigkeit Wagners festgestellt hatte, er- hielt er auch Zuwendungen mit Rücksicht auf die von ihm geleisteten Dienste. Nun tauchten im Kreise der"Wissenden Gerüchte auf 20, Wagner habe das bei Dithmars Flucht verwendete Auto unterschlagen und weiterverkauft, das ihm zur Unterstützung in seiner Notlage ge- liehene Geld verprasse er in Bars, namentlich mit Frauen, ferner rede er zuviel, schreibe Erpresserbriefe und drohe mit Verrat an die Po- lizei; er stehe auch als Spion in französischem Sold.

Diese Gerüchte fanden Glauben und wurden weiter verbreitet, insbe- sondere von Erwin Kern und seinen Freunden, dem ehemaligen Ober- leutnant Friedrich Wilhelm Heinz und dem ehemaligen Leutnant Ernst v. Salomon. In den ersten Tagen des März 1922 gewann der Plan greifbare Gestalt, sich des Mitwissers Wagner zu'entledigen'. Heinz, der in Frankfurt Führer der dortigen Ortsgruppe desVerbandes na- tionalgesinnter Soldaten2l war, zog zu diesem Zweck den ihm be- kannten Kaufmann Ernst Casimir Schwing zu, Gründer und Vorsitzen- der der Ortsgruppe Bad Nauheim des gleichen Verbandes. Unter einem Vorwand wollte man Wagner nach Bad Nauheim locken, denn Frank- furt schien als Tatort ungeeignet. Das Komplott soll- nach Angaben Schwings- am 2. März geschlossen worden sein. Zur gleichen Zeit wirkte Erwin Kern auf Ernst v. Salomon ein, bei der Erledigung des Erpressers und Spions Wagner mitzumachen.

Um die Mittagszeit des 4. März schickte Kern seinen Freund v. Salo- mon mit reichlich Geld versehen nach Bad Nauheim, wo sich dieser sogleich zu Schwing begab, der in der Hupfeld-Diele, einem mondä- nen Tanz- und Nachtlokal, als Chauffeur des Besitzers arbeitete und dort ein Zimmer hatte. Beide kannten sich bis dahin nicht. Nach ge- genseitiger Vorstellung ging Schwing mit v. Salomon zum großen Teich im Kurpark, wo ihm unterwegs uschonend beigebracht wurde, was

19 Die Organisation Escherich, so genannt nach ihrem Führer, war ein rechtsgerichteter Verband, der vor allem in Bayern stark verbreitet war und sich(dort) auch"Reichsflagge nannte(s. Anm. 48); s. dazu auch: Horst G. W. Nussler, Konservative Wehr- verbände in Bayern, Preußen und Österreich(mit einer Biogra- phie von Forstrat Georg Escherich 1870-1941),(Nusser-Verlag, München 1971), vor allem 10. Kap. S. 173 ff. Getrennt erschien

als Beiheft: Dokumentenanhang- Archivalisches Verzeichnis Literaturverzeichnis. 20 Der wahre Kern dieser Gerüchte war die materielle Notlage

Wagners, der darum ständig um Hilfe bei seinen ehemaligen Mitverschworenen nachsuchte.

21 Tarn- bzw. Unterorganisation der im September 1921 offiziell verbotenen und aufgelösten Organisation Consul.

118