anderen Unterlagen¹5 nun eine breitere Darstellung, die vor allem die Hintergründe aufzuhellen versucht, die in dem damaligen Prozeß nicht genügend geklärt worden sind. Sie wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse jener Zeit und hat insoweit ihre historische Bedeu- tung, kann aber auch Warnzeichen für die Gegenwart sein.
4.1 Vorgeschichte und Ablauf der Bluttat
Der Hergang der Ereignisse in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1922, die zu dem Prozeß führten, stellt sich in aller gebotenen Kürze so darlé: Die Oberleutnants zur See Dithmar und Boldt waren wegen Kriegsverbrechenl7 zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Or- ganisation C., der viele ehemalige Marineoffiziere angehörten, be- trachtete es als ehrenvolle Pflicht, die Befreiung ihrer"Kameraden“ aus dem Gefängnis zu bewerkstelligen. Eine versuchte gemeinsame Befreiung aus dem Reichsgerichtsgefängnis in Leipzig scheiterte. Boldt wurde dann von ehemaligen Angehörigen der Marinebrigade Ehrhardt, die als Hilfsbeamte in einem Hamburger Gefängnis fungierten“, be- freit. Am 18. Januar 1922 gelang es Dithmar mit Hilfe der späteren Rathenaumörder Hermann Fischer und Erwin Kern, aus dem Gefängnis in Naumburg/Saale zu fliehen. Fahrer des Fluchtautos war der ehema- lige Oberleutnant zur See Erwin Wagner aus Naumburg, der unmittel- bar nach der geglückten Flucht Dithmars in Thüringen untertauchte. Ungeschickt und wohl auch ein wenig eitel, brüstete er sich der Tat gelegentlich und trug so dazu bei, daß der zunächst auf der Burg Saaleckls versteckte Dithmar fast entdeckt worden wäre und Hals über Kopf in die Schweiz flüchten mußte. Wagner wurde für seine Auftraggeber bzw. Mittäter zum Gefahrenpunkt. Im Februar 1922 ging er unter dem Namen Weigel(t) nach Frankfurt a. M., wo er schnell in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und sich mit dem Ersuchen um materielle Hilfe an den ihm bekannten Major a.D. Becher wandte, der
sterium der Justiz) 1 Konv. 1745 Fasz. 2; herangezogen auch von Eberhart Schön, Die Entstehung des Nationalsozialismus in Hessen(Mannheimer Sozialwissenschaftliche Studien 7, Neisen- heim am Glan 1972), S. 30 f.
15 Stadtarchiv Gießen(s. Anm. 1).
16 Es wird hier im wesentlichen der Anklageschrift der Staatsan- waltschaft Gießen vom 30. 12.1926(Stadtarchiv Gießen, s. Anm. 1) gefolgt.
17 Ihr Kriegsschiff hatte im 1. Weltkrieg völkerrechtswidrig ein als Lazarettschiff gekennzeichnetes englisches Schiff versenkt.
18 Hier wurde am 16.8.1922 der Rathenaumörder Erwin Kern von verfolgender Polizei erschossen; Hermann Fischer gab sich selbst den Tod.
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