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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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In den Zielen der Geheimorganisation C. hieß es u. a.: 3

Geistige Ziele: Bekämpfung alles Anti- und Internationalen, des Judentums, der Sozialdemokratie und der linksradikalen Parteien. Be- kämpfung der antinationalen Weimarer Verfassung.:.

Materielle Ziele: Bei inneren Unruhen deren vollständige Niederwer- fung zu erzwingen und durch Einsetzung einer nationalen Regierung die Wiederkehr der heutigen Verhältnisse unmöglich zu machen.

Im§ 12 der Satzung der Organisation C. steht die Verpflichtungsfor- mel:

lch erkläre ehrenwörtlich, daß ich deutscher Abstammung bin. Ich verpflichte mich ehrenwörtlich, durch Handschlag, mich den Satzungen der Organisation C. zu unterwerfen und nach ihnen zu handeln. Ich gelobe dem obersten Leiter der Organisation und meinen Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten und über alle Angelegenheiten der Organisation das strengste Stillschweigen zu bewahren.

Hier haben wir die ideologische Brücke, die von der Feme des Mittel- alters zu Grundsätzen und Handlungen der Organisation C. 4 hinüber- führt: Man verglich die- nach dem Zusammenbruch der Monarchie des Reiches- errichtete Weimarer Republik mit Zeiten der durch die Zurückdrängung der Reichsgewalt ausgelösten Rechtsunsicherheit im ausgehenden Hochmittelalter und glaubte sich berechtigt, durch Feme- gerichte und Femeurteile und deren Vollstreckung für eine vermeintli- che bessere Ordnung einzutreten oder die alte Ordnung wieder herzu- stellen.

3. Rechtsradikalismus in der Anfangsphase der Weimarer Republik

Die Frage, aus welchen Gründen die Weimarer Republik scheiterte, ist sicher nicht monokausal zu beantworten, denn Ereignisse und Entwick- lungen, die zum Untergang der Republik führten, sind viel mehr kom- plexer Natur, als daß sie mit einem einzigen Faktum- 2.B. dem rei- nen Verhältniswahlrecht, dem Versailler Vertrag oder der Weltwirt- schaftskrise- ausreichend erklärt werden könnten.

Es fällt aber auf, daß bei der Erörterung der möglichen Ursachen für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie die konservativ-restau- rativen Kräfte und ihre radikalen Organisationen- zumindest für die Jahre 1919 bis 1926- zu wenig Beachtung gefunden haben. Im Zu-

3 Stadtarchiv Gießen, Gi GG 194 Akten des Gießener Fememord- prozesses von 1927. 4 O. C.= Organisation Consul: Nachfolgeorganisation der nach

dem Kapp-Putsch aufgelösten Marinebrigade Ehrhardt, so ge- nannt nach dem Gründer und Chef der Organisation, dem ehe- maligen Korvettenkapitän E., der sich zeitweise den Decknamen Consul zulegte.

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