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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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reichten oder wenn ihre Vernichtung zu befürchten stand. In allen an- deren Fällen habe ich auf unseren Raummangel hingewiesen und dar- um gebeten, die Ausscheidung dieser Akten noch bis zum Umzug des Archivs zurückzustellen. Trotzdem waren im abgelaufenen Jahrzehnt eine ganze Reihe von Aktenübernahmen durch das Archiv vorzunehmen, was oft nur unter großen organisatorischen Schwierigkeiten(Platzman- gel, Zeitproblem, Personal usw.) möglich war. Auf die grundsätzliche Frage der Behandlung von den immer stärker anfallenden Massenakten und ihrer Kassation komme ich weiter unten zu sprechen.

Das Stadtarchiv verfügt gegenwärtig über keine eigene Bildersamm- lung, wenn man einmal von Postkarten absieht. Dies hat seinen Grund in der Tatsache, daß Rudolf Metzger, ein engagierter Fachmann auf photographischem Gebiet und Freund der Orts- und Heimatgeschichte, schon seit drei Jahrzehnten ein städtisches Fotoarchiv aufgebaut hat, das mustergültig ist und mit wenigen Ausnahmen das Bild der Stadt vor und nach der Zerstörung festgehalten hat. Hier besteht eine enge Kooperation, die auch die finanziellen Bedürfnisse einschließt. Eine ebenso rege und fruchtbare Zusammenarbeit verbindet das Archiv mit dem Oberhessischen Museum, die bereits unter dessen früherem Leiter Dr. Krüger begonnen hatte und unter seinem Nachfolger K. F. Ertel fortgesetzt wurde. Die Kompetenzen sind hier klar gegeneinander ab- gegrenzt; man unterstützt sich gegenseitig nach besten Kräften und hilft sich bei der Bewältigung der jeweils gestellten kulturellen Auf- gaben. Dasselbe gilt auch für die Verbindung zur Stadtbibliothek. Et- was differenziert ist im vergangenen Jahrzehnt das Verhältnis zur Uni- versitätsbibliothek und zum Universitätsarchiv zu sehen. Auf der einen Seite findet nach wie vor ein lebhafter Austausch von Informationen statt und man hilft sich bei der Beantwortung von Anfragen nach be- sten Kräften; auch auf der Suche nach bestimmten, meist seltenen Publikationen unterstützt man sich gegenseitig und erleichtert damit den auswärtigen Leihverkehr. Auf der anderen Seite ist bedauerlicher- weise der anfänglich lebhafte Tausch von Dubletten ganz zum Erliegen gekommen. In diesem Zusammenhang ist es nur schwer verständlich, daß man im ÜUniversitätsarchiv und vor allem in der Handschriftenab- teilung der Universitätsbibliothek an Archivalien festhält, die ihrer Provenienz nach eindeutig in das Stadtarchiv gehören(so z.B. das Ta- gebuch des Gießener Bürgers und Schuhmachers Härtling aus dem 7jährigen Krieg u.v.a.m.) und dort auch in erster Linie gesucht wer- den. Es wäre im Interesse der Sache wünschenswert, wenn hier einmal in naher Zukunft großzügiger verfahren würde.

In dieser Frage habe ich während meiner bisherigen Tätigkeit nach dem Grundsatz gehandelt, daß Archivalien dort lagern sollten, wo sie am ehesten gesucht und voraussichtlich am häufigsten gebraucht wer- den. So wurden im Laufe der letzten Jahre an rd. 60 deutsche Städte und Gemeinden Archivstücke kostenlos abgegeben, die bei den Ord-

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