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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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zählt werden. Ich halte mich hier- wenn auch nicht wörtlich an den Tätigkeitsbericht der Stadtverwaltung für die Zeit vom 1.4. 1953 bis zum 31.3.1954(verfaßt von Dr. Herbert Krüger):

Am Pfingstsamstag des Jahres 1953 stießen Mitglieder des Christlichen Vereins Junger Männer(CVIM) beim Steinebrechen auf dem Trüm- mergrundstück des ehemaligen Kaufmännischen Vereinshauses, Ecke Nordanlage/Steinstraße, auf eine mit Schutt bedeckte Eisentruhe. Nach ihrer Öffnung fanden sich darin neben einigem unzerstörten Ma- terial teils angekohlte, teils vermoderte Pergamenturkunden, Folianten gebundene Rechnungen und Protokollbücher sowie Aktenfaszikel.

Stadtamtmann i. R. Wilhelm Rothamel gab damals zu Protokoll, daß nach der Zerstörung der Stadtkasse, Ecke Gartenstraße/Südanlage ge- genüber dem Theater(Alte Bürgermeisterei) durch den Angriff am 2./3. Dezember 1944 auch eine eiserne Urkundentruhe des Stadtarchivs in das für die Stadtkasse vorgesehene Ausweichgebäude des Kaufmän- nischen Vereinshauses verbracht worden sei. Ehe die sehr schwere Truhe dort aus dem Treppenhaus in das Kellergewölbe hatte gebracht werden können, war die Katastrophe des 6. Dezember 1944 auch über dieses Gebäude hereingebrochen. Bei späteren Bergungen der Bestände der Stadtkasse aus den Ruinenkellern habe man diese Truhe mit den Archivalien nicht beachtet, zumal weder Dr. Glöckner, der das Stadt- archiv von 1944 bis 1946 leitete, noch Heinrich Bitsch, der ihm von 1946 bis 1949 vorstand, von dem Verbleib dieser Truhe etwas wissen oder ahnen konnten.

An der Fundstelle im Treppenhaus des zerstörten Gebäudes in der Nordanlage war die Truhe dem glühenden Brandschutt und danach mehr als 9 Jahre lang den Einwirkungen der Witterung ausgesetzt ge- wesen.

Bei einer ersten Auswertung damals schienen von 36 Pergamenturkun- den 10 vollkommen vernichtet, eine Anzahl kaum noch verwertbar. Auch aus dem Bestand der Gerichtsbücher und Ratsprotokolle, die sich in der Truhe vorfanden, schienen die meisten zerstört und unbe nutzbar.

Erfreulicherweise hat sich dieses erste betrübliche Ergebnis des Jahres 1954 inzwischen etwas zum besseren gewendet. Durch die in den Jah- ren 1965 bis 1969 durchgeführten sorgfältigen Restaurierungsarbeiten des Marburger Experten Ritterpusch konnte ein Großteil der beschä- digten Archivalien wieder benutzbar gemacht werden.

3. Das Stadtarchiv im vergangenen Jahrzehnt(1964-1974) Wie bereits kurz erwähnt, kam ich in den Jahren 1961 bis 1963 erst-

mals mit den älteren Archivalien der Stadt Gießen in Berührung, als ich Material für meine Dissertation suchte. Um jedoch die vorhande-

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