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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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flüssige und llästige' Akten aus der Zeit des Dritten Reiches gehan- delt haben, denn hier gibt es leider auffällige Lücken, u. a. fehlen die Sitzungsprotokolle der Stadtverordnetenversammlungen von 1930 bis 1945.

Ein zweiter Altpapierverkauf drohte im Jahre 1951 wesentliche Teile städtischer Altakten zu vernichten. Das Folgende wörtlich aus dem Tätigkeitsbericht der Stadtverwaltung vom 1.4.1951 bis 31.3.1952: S. 49: I..überprüfte der Direktor der städtischen Sammlungen dann die rd. 150 laufende Meter betragende Aktenmenge in wochenlang dauern- der Durchsicht. Ein Viertel des Aktenbestandes wurde als unbedingt archivwürdig aussortiert. Nachdem sich das Staatsarchiv Darmstadt in diese Aktion eingeschaltet hatte, wurde auf Antrag von Archivdirektor Dr. Clemm der Archivinspektor Jockel mit einer erneuten Durchsicht beauftragt. In der Besorgnis, jeden nur möglichen Aktenverlust zu vermeiden, hatte er weitere Akten zur Aufbewahrung empfohlen, so daß sich im Endergebnis ein Verhältnis von 1/3 Archivmaterial zu 2/3 Makulatur herausgebildet hat. Das Erhaltene hat als zurückgesetzte Registratur! zunächst eine Aufstellung im Archivkeller des Stadthauses gefunden. Die Unterbringung der Archivbestände im Haus der Stadt- bücherei blieb unzureichend, und eine planmäßige Nutzbarmachung konnte aus verschiedenen, vor allem personellen Gründen nicht erfol- gen. Selbst die Beantwortung von Anfragen mußte unterbleiben, weil unerklärlicherweise auch die in den ersten Nachhkriegsjahren erstellte UÜbersicht bei der Neuaufstellung der Bestände nicht berücksichtigt wurde. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Im Laufe des Jahres 1954 wurden die gesamten Archivbestände aus dem Haus Wilhelmstra- ſe 25 in heizbare, trockene Keller der Stadtkasse(ehemalige Orts- krankenkasse) in der Ludwigstraße verlagert. Auch in diesen Räum- lichkeiten, die man nur als notdürftigen Aufbewahrungsort bezeichnen kann, war an eine sinnvolle Benutzung für Genealogen oder Stadtge- schichtsforscher nicht zu denken. Doch auch dieses Asyl! wurde wie- der gewechselt: Im Jahre 1957 wurde das gesamte Material aus der Stadtkasse in der Ludwigstraße 12 in das städtische Haus Ludwigstra- ſe 44(Gesundheitsamt) transportiert, wo es zunächst im Binterhaus lagerte, ehe es schließlich in zwei kleinen Zimmern im Dachgeschoß (!) dieses Hauses zusammengepfercht wurde. Nun konnte endgültig keine Rede mehr davon sein, daß hier noch eine Registrierung und Ordnung der Bestände in Angriff genommen werden könnte. Der Di- rektor des Museums und der städtischen Sammlungen war mit dieser Aufgabe ohnehin überfordert und sah keine Nöglichkeit, das personelle und räumliche Manko zu beheben.

Dies war die Situation, als ich zu Beginn des Jahres 1961 zum ersten Mal mit Beständen des Archivs in Berührung kam. Doch bevor ich über die letzten rd. 12 Jahre Archivgeschichte berichte, soll hier noch von einem erfreulichen Fund längst verloren geglaubter Archivalien er-

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