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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Die Archivbestände werden dann zu Beginn des Krieges noch einmal verlagert und sind ab 1.10.1940 im Haus Gartenstraße 30, dem ehemaligen Fröbelseminar, untergebracht.

Bereits kurz nach dem Fallen der ersten Bomben in Gießen und seiner weiteren Umgebung bemühte sich Dr. Lehnert um ein Ausweichquar- tier für das Stadtarchiv in Lich oder im Schloß Friedelhausen. Es ge- lang ihm noch kurz vor seinem Tode(gest. 18. April 1944), im März 1944 wichtige und wertvolle Teile der städtischen Archivalien in das Schloß nach Lich auszulagern, von wo sie dann- aus unerfindlichen Gründen- im Dezember 1944 in die alte Präparandenanstalt(Lehrer- vorbereitungsseminar) in Lich umgesetzt wurden.

Die Betreuung des Stadtarchivs hatte inzwischen Ende Juni 1944 Dr. Karl Glöckner, der Herausgeber des Codex Laureshamensis, des Lor- scher Urkundenbuchs, Studienrat am Landgraf Ludwig-Gymnasium, übernommen. Am 14. Juli 1944 wird er offiziell von der Stadtverwal- tung ernannt, aber es liegt eine gewisse Tragik in der Tatsache, daß er schon bald darauf Anfang September als über 60jähriger zum Schippen an den Westwall' mußte und so seine geplanten Verlagerun- gen der restlichen Archivbestände nicht mehr vornehmen konnte. Kurz nach Kriegsende hat er selbst darüber berichtet:"Im Lehrerzimmer der ehemaligen Präparandenanstalt in Lich liegen die Bestände dicht aufgeschichtet, aber vor Witterungseinflüssen geschützt. Ein Register ist nicht zu finden. Besondere Verluste der ausgelagerten Sachen sind nicht festzustellen. Forstrat Zimmer, der Hausherr des umgebenden Grundstücks, betreut die Archivalien, da ich(Dr. Glöckner) als Aus- gebombter, in Bieber wohnend, nicht nach Lich kommen kann!(Brief Dr. Glöckners in den Archivakten des Stadtarchivs). Es ist zeitge- schichtlich nicht uninteressant, daß zu diesem Bericht, den Glöckner am 29. Mai 1945 abgibt, das Staatsarchiv Darmstadt bereits am 3. März 1945 aufgefordert hatte und noch vor dem Einrücken der Ameri- kaner in Gießen der Bürgermeister Hill den Bericht schriftlich ange- mahnt hatte. Am 18. Mai 1945 erfolgt von deutschen kommunalen Be hörden in Gießen bereits eine Wiedervorlage, auf die dann der o. a. Bericht Glöckners erfolgte.

Im gleichen Bericht sind uns auch die bedauerlichen Verluste überlie- fert, die durch die Zerstörung des Hauses Gartenstraße 30 am 6. De- zember 1944 entstanden sind, wo die Masse der jüngeren Archivalien äußerst ungünstig und unsicher im 2. Stock lagerte:

Die Handbücherei

Eine Sammlung von Programmen, Plakaten und Flugschriften etcC.

Das Archiv der israelitischen Gemeinde in Sachen Schule und Wohltätigkeit, das Dr. Glöckner bereits zur Rückgabe geordnet und vorbereitet hatte(!).

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