Als Ebel zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts mit den Ordnungsarbeiten im Stadtarchiv begann, lagerten die Bestände"in ei- nem Zustand völliger Unordnung“ in Räumen der alten Bürgermeisterei (früher Realschule) am Neuweger Tor, jenem Gebäude, das bis 1921 als Bürgermeisterei, dann bis zur Zerstörung 1944 noch als Stadtkasse diente. Auf dem Dachboden dieses Gebäudes fand Ebel noch eine gro— ſe Zahl wertvollster Archivalien unter Stapeln von Abfall und ausge- sonderter Akten aller Art. In der Sicherung dieser Bestände und sei- nem Bemühen um eine bessere Unterbringung hatte Ebel erfreulichen Erfolg: Vom März bis August 1906 bezog das Stadtarchiv neue Räume in der ehem. 1Dr. Weber'schen Hofraiteu in der Wetzsteingasse 43. Die bisherigen Unterkunft wurde als Ortsgericht benötigt. Als Ebel, der ein engagierter Vertreter der Bodenreformideen Damaschkes war, im Jahr 1905 Stadtverordneter geworden war, verzichtete er in einer Witteilung vom 15.11.1906 an die Verwaltung auf seine Vergütung als Leiter des Stadtarchivs mit Wirkung vom 1.4.1907. Gleichzeitig bat er um die Erhöhung der sachlichen Ausgaben von 100.- auf 200.- Mark jährlich. Im Wegweiser durch die Universitätsstadt Gießen“ aus dem Jahre 1907 wird auf den Seiten 115 und 135 kurz über das Stadtarchiv berichtet. Sprechstunden waren damals mittwochs zwischen 16 und 18 Uhr eingerichtet; weitergehende Benutzung von Akten wurde in der Universitätsbibliothek ermöglicht. Eine Benutzerordnung sorgte dafür, daß die Archivalien nicht wahllos ausgegeben wurden. So mußte im Jahre 1910 der Reallehrer Dr. Berger den Benutzerzweck angeben und in den Archivräumen arbeiten.
Schon im August 1907 hatte Ebel darauf hingewiesen, daß die Archiv- räume in der Wetzsteingasse zwar trocken, aber nicht feuersicher sei- en. Jahrelang bemühte er sich um eine neue Unterkunft, ehe er im November 1913 in einen Raum der Oberrealschule in der Stephanstra- ße umziehen konnte, der eigens für das Archiv im Dachgeschoß herge- richtet worden war. Noch vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges wur- den dem Archiv für 160.- Mark ein Schrank und 2 Regale zugestan- den.
Während des Weltkrieges wird die Arbeit im Stadtarchiv geruht haben; aus den Akten ist uns aus dieser Zeit nichts überliefert. Erst Anfang der 20er Jahre hören wir wieder mehr.
Dr. Karl Ebel, der 1905 Stadtverordneter geworden war, im Jahre 1917 den Professorentitel erhielt und schließlich im Jahre 1921 Haupts Nachfolge als Direktor der Universitäts-Bibliothek antrat, hat augen- scheinlich die restlose Registrierung der Archivbestände nicht mehr weiter fördern können, denn am 7. April 1921 schaltet sich das Staatsarchiv in Darmstadt erstmals ein und fragt in Gießen an, wie weit es mit den Ordnungsarbeiten im Stadtarchiv stehe. Ebel antwor- tet, sie seien noch nicht beendet. Seit dem April 1921 ist Dr. Wil-
80


