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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Wieder war es- wie 250 Jahre zuvor Sophie von Brabant- eine Frau, die Landgräfin Anna, die mit Geschick und Tatkraft ihrem minderjäh- rigen, körperlich schwächlichen Sohn Philipp das Erbe sicherte gegen die Widerstände einer Regentschaft, hinter der natürlich auf Grund der im Jahre 1373 geschlossenen Erbverbrüderung das sächsische Für- stenhaus stand. Erneut erleben wir, wie sich die Bürgerschaft Gießens 1514 hinter ihre Stadtherrin stellt und die der Regentschaft zuneigen- den Beamten der Stadt zum Gehorsam zwingt. Der Amtmann des Am- tes Gießen Balthasar Schrautenbach und der Gießener Burgmann Kon- rad von Elkerhausen leisteten dabei wertvolle Dienste.

Als im Jahre 1518 Franz von Sickingen mit Götz von Berlichingen die hessischen Lande um Darmstadt verwüstete und auf Nordhessen vorzu stoßen im Begriff stand, hielt sich der knapp 14jährige junge Landgraf Philipp, den seine Mutter gerade hatte für volljährig erklären lassen, vom 12. bis 29. September in seinem Schloß in Gießen auf, wo damals auch der Landtag versammelt war. Der Angriff der Ritter konnte ab- gewendet werden. Wenige Jahre später gelingt es Philipp, den Anfän- gen des Bauernkrieges in Hessen zu wehren; auch in Gießen kam es um die Jahreswende 1525/26 zu vorübergehenden Unruhen, die sich zwar gegen die Burgmannen und landgräflichen Beamten richteten, aber doch wohl mehr religiöse als soziale Ursachen hatten.

Emporgetragen von den Wogen der Reformation wird Philipp, dem die Geschichte den Namen der Großmütige gegeben hat, als Landesherr eines zentral gelegenen, nunmehr geschlossenen Territoriums einer der mächtigsten Fürsten seiner Zeit.

Im Blick auf die drohenden und- wie er vorhersah- unvermeidbaren religiösen Auseinandersetzungen baute er die Militärmacht seines Lan- des aus und machte zwischen 1530 und 1533 unter großem Aufwand Gießen zu einer der stärksten Festungen und Waffenplätze des Landes. Weit hinaus wurden die Wälle und Gräben, die vier bekannten Stadtto- re vorverlegt, alle bis dahin vor den alten Mauern angesiedelten Häu- ser einbeziehend. Die Wieseck wurde um die Stadt herumgeleitet und erhielt ihr heutiges Bett. Die letzten Bewohner des Dorfes Selters mußten in die Stadt ziehen, ihr Gotteshaus, St. Peter geweiht, bis da- hin Mutterkirche für Gießen, wurde niedergerissen und in die Stadt eine starke Besatzung verlegt.- Die Reformation hielt ihren Einzug, und 1532 wird der erste protestantische Pfarrer in Gießen eingeführt.

Im Nordosten des so erweiterten Stadtgebietes schafft sich der Land- graf eine eigene kleine Residenz, in der er sich zu gewissen Zeiten aufhalten konnte. Ihr bedeutendstes Bauwerk, das Neue Schloß, errich- tet 1533- 37 als eines der Kleinode hessischer Fachwerkkunst, hat eine glückliche Fügung im 2. Weltkrieg vor der Zerstörung bewahrt. So war der Aufschwung unserer Stadt unverkennbar; die Einwohnerzahl stieg mit etwa 2800 auf fast das Doppelte, ungerechnet die Soldaten und ihr Anhang, deren Zahl zeitweise nicht geringer war. Es schien für

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