den Marktbereich, zu dem inzwischen längst die festen Verbindungs— wege von den Fernstraßen der Umgebung führen. Der Stadtherr sah den Zuzug nicht ungern, vielleicht hat er ihn auch begünstigt oder gar erzwungen, denn eine feste Stadt braucht viele Hände zum Auf- und Ausbau, zur Versorgung und Verteidigung. Bauern aus Nachbardörfern lockte nicht nur die ufreie“ Stadtluft; sie erkannten bald, daß man seine Acker auch von der Stadt aus weiter bearbeiten konnte, und so wurden ganze Dorfplätze verlassen, und ihre Feldfluren gingen in der Stadtgemarkung auf. In bestimmten Quartieren siedelte man sich an und setzte dort die alte dörfliche Gemeinschaft fort.
Auf diese Weise sind Kroppach im W., Läufertsrod im NW., Achstadt und Didolshausen im N., früh schon Ursenheim im O. und zuletzt das große Selters im S. in die Stadt aufgenommen worden, so wuchs die Gemarkung zu einer Größe, wie sie vergleichbare Städte nicht hatten. Das mag auch der Grund gewesen sein, warum Kaufmannsstand und Handwerkerschaft, Märkte und Zünfte nie überörtliche Bedeutung hat-— ten wie etwa in Alsfeld, Grünberg, Friedberg oder Wetzlar. Der Ackerbürger blieb das Charakteristikum unserer Stadt, und noch bis weit ins 19. Jahrhundert behielt der studentische Ausspruch seine Gül-— tigkeit:“Wenn alle Bauern auf den Feldern sind, ist kein Bürger mehr in der Stadt.“ Wald, Weide und Ackerfeld waren der Reichtum der Stadt und bildeten die Lebensgrundlage ihrer Bewohner. Ohne Unter- schied trieben alle, auch später die professoren, ihr Vieh auf die Allmendweide, die den Berechtigten gemeinsam zur Nutzung zugänglich war. Der Reichtum freilich hielt sich relativ in engen Grenzen; wohl- habende Patrizierfamilien haben sich nicht entwickeln können; die Häuser blieben klein und schmalbrüstig, künstlerischer Schmuck, ausla- dende Verzierungen waren die Ausnahme. Und doch ist uns aus dieser Zeit das Leibsche Haus bewahrt geblieben, das der hochverdiente Ne- stor hessischer Kunsthistorie, der heute unter uns weilende S8sjährige Professor Rauch, zu den ältesten gotischen Fachwerkhäusern Deutsch- lands zählt und dessen Bauzeit wohl für die erste Hälfte des 14. Jahr- hunderts angesetzt werden kann. Mit diesem und anderen Burgmannen- und Bürgerhäusern breitete sich das Fachwerk auch in Gießen weiter aus. Neben das Spital an der Maigasse tritt weit vor der Stadt das Siechhaus an der Frankfurter Straße, dort, wo heute die Wieseck im Flußbett des alten Siechbaches fließt. Zu den ursprünglichen Toren der Stadt, dem Tor nach Selters und dem nach Marburg, kam das Neustädter Tor im 14. Jahrhundert und mit dem Ausgreifen der Stadt nach Osten auch das Neuweger Tor hinzu, das vor allem dem Verkehr zu Wald und Weide offenstand. Doch lagen die Tore damals noch weit hinter dem heutigen Anlagenring zurück.
So blieben Grenzen, doch nicht nur in der baulichen Ausdehnung und der Bevölkerungszahl. Wir müssen sie auch sehen, wollen wir das Bild unserer Stadt nicht verzeichnen. Gießen konnte keine bauliche
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