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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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schließt sich die überwiegende Zahl des hessischen Adels unter Füh- rung des Grafen von Ziegenhain zum Ritterbund der"Sternert zusam- men und beginnt einen auch von äußeren Feinden Hessens unterstütz- ten Aufstand gegen die Landgrafschaft, der das Ziel verfolgt, die- stige, ihre Unabhängigkeit bedrohende Herrschaft der Landgrafen zu brechen. In dieser bedrohlichen Lage, die durch seine militärischen Mißerfolge im niederhessischen Raum noch verschärft wurde, stützte sich der hessische Landgraf allein auf die Treue seiner oberhessischen Städte, und vor allem Gießen gab seiner Herrschaft finanziellen und ideellen Rückhalt.

Diesmal rettet politisch-diplomatisches Geschick den Landgrafen vor schlimmeren Folgen: Er schließt mit den Markgrafen von Meißen 1373 eine Erbverbrüderung und erreicht beim deutschen Kaiser Karl IV. die Erhebung der gesamten Landgrafschaft zu einem reichslehnbaren Für- stentum, was seine Stellung wesentlich festigt.

Wenig später rebellieren sogar die niederhessischen Städte gegen Steuerforderungen Landgraf Hermanns, und ein anderer Ritterbund, der von der lalten Minne, diesmal unter Führung des Nassauer Gra- fen, macht ihm im Süden seines Landes schwer zu schaffen. Auch die Solmser Grafen und die Reichsstadt Wetzlar stellen sich zeitweise ge- gen ihn. Wieder steht Gießen neben anderen oberhessischen Städten treu auf seiner Seite, und mit diesem Rückhalt ist es ihm möglich, aus der Krise ohne Einbußen hervorzugehen. Vorgänge, wie sie uns episodenhaft in Riehls"Der stumme Ratsherr entgegentreten.

Plastischer und charakteristischer aber ist, was Justi in seinen"Hessi- schen Denkwürdigkeiten überliefert hat: Der Gießener Bürger Eckard Holzschuher hört- in einem Baum versteckt auf dem Feld von dem Pplan einiger Ritter von der"alten Minne, den Landgrafen zu töten. Er warnt seinen Herrn und rettet ihm das Leben. Zum Dank dafür befreit der Landgraf Haus und Hofstatt des Eckard in Gießen für ewige Zeit von allen Abgaben. Ein Einzelfall oder ein eindrucksvoller Beweis für die innere Haltung der Bürgerschaft zu ihrem Stadtherren? Es mag schwer zu entscheiden sein für uns, und doch darf bei einer Würdigung alles dessen, was uns die Beziehungen Gießens zu Hessen im späten Mittelalter in Urkunden und Akten verdeutlicht, geschlossen werden, daß seit dem Übergang Gießens an Hessen eine Gemeinsam- keit entstanden war, die nicht zuletzt ihre Ursache in einem wechsel- seitigen Geben und Nehmen hatte.

Die Stadt aber weitet inzwischen ihren ursprünglich so eng begrenzten Lebensraum aus; sie schafft sich neue Siedel- und Anbaumöglichkei- ten. Große Flächen in der Lahn- und Wiesecktalaue werden trocken- gelegt, die zahlreichen kleinen Bäche und Rinnsale reguliert und zu sammengefaßt. Gießen wird anziehender für die engere und weitere Nachbarschaft; Kaufleute und Händler zieht es in stärkerem Maße in

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