Besatzungssoldaten- wie die Chronik Winckelmanns überliefert- nicht gerade sehr maßvoll mit der Bevölkerung umgingen. War durch den Sieg des Landgrafen 1328 bei Wetzlar und den folgenden Friedens- schluß von 1329 die Gefahr auch zunächst gebannt, so hatten doch die verlustreichen Kämpfe dazu geführt, daß die Landgrafschaft in erheb-— liche finanzielle Bedrängnis geriet. Dieser Umstand stellte auch noch einmal die Zugehörigkeit Gießens zu Hessen in Frage. Schon bald nach dem vorläufigen Frieden mit Mainz finden wir unsere Stadt verpfändet an die Herren von Falkenstein; diese Pfandschaft ging nach 30jähriger Dauer 1364 je zur Hälfte an Graf Johann von Nassau-Weilburg und Landgraf Heinrich II. von Hessen über. Damit gerät Gießen in den Machtbereich einer dritten bedeutenden territorialen Kraft im west-— hessischen Raum, der Nassauer Grafen, die seit 1328 die Merenberger Erbschaft angetreten hatten und damit als Besitzer des Gleiberger Landes unmittelbarer Grenznachbar unserer Stadt geworden waren. Noch heute heißen Fluren in der Nähe des Umspannwerkes"Kcker an der Weilburger Grenze“, und mancher, der das liest, mag sich er-— staunt nach dem Ursprung dieser Benennung fragen. Als Erbe der Gleibergisch/ Merenberger Rechte legte sich Nassau in bedenklicher Weise rings um Gießen fest, da es ja nunmehr Lehensherr der Gerich- te Kirchberg/Lollar, Treis und Londorf, Vogtherr des Schiffenbergs sowie Mitbesitzer des Hüttenbergs geworden war. Teile des Wiesecker Waldes, die Badenburg, der"Fernewaldu, Dörfer wie Annerod, Hausen und seit 1396 auch Großen-Linden finden sich in gemeinsamem Besitz von Nassau und Hessen.
Daneben war die starke Burg Staufenberg- mit ihrem Streubesitz in der Markgenossenschaft Altenstruth am Ostrand des Hangelsteins-— in Ziegenhainer Besitz. Gießen als südlicher Vorposten Hessens also von feindlichem"Auslandu umgeben, ohne unmittelbare Verbindung zum Marburger und Kasseler Landgrafengebiet. Eine ebenso aussichtslose Lage für unsere Stadt und ihren Landesherren als die wenige Jahr-— zehnte zuvor.
Aber waren es gegen Mainz die Waffen, so sind es diesmal zarte Ban-— de, die Gießen für Hessen erhalten."Bella gerant alii; tu felix Hassia nube“ könnte man in Abwandlung eines berühmt gewordenen Satzes über die habsburgische Heiratspolitik des ausgehenden Mittelalters sa- gen. 12 000 Pf Heller gibt Graf Jochann von Nassau/Weilburg als Mit- gift seiner Tochter für ihre Ehe mit dem hessischen Landgrafen Her— mann, und das Pfand dafür ist die halbe Stadt Gießen; die andere Hälfte aber gibt der Landgraf Heinrich II. seiner künftigen Schwieger- tochter 1367 als Brautgeschenk. So ist Gießen der hessischen Gebiets- hoheit ganz zurückgewonnen.
Aber weitere, nicht minder schwere Gefahren lassen nicht lange auf sich warten: Zu Beginn der 70er Jahre des 14. Jahrhunderts
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