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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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gelingt es dann sogar, im gleichen Jahr den Erzbischof in dessen urei- genem Gebiet bei Fritzlar entscheidend zu schlagen. Damit war auch der Besitz Gießens für Hessen gesichert, denn Ludwig vor Isenburg- Büdingen, ein Anhänger des Erzbischofs, hatte bis dahin- auf Mainzer Betreiben- den Erwerb Gießens durch Hessen nicht anerkennen wol- len, weil er selbst als Miterbe an Teilen des Wiesecker Waldes An- sprüche auf Gießen erhob.

Wenige Jahre später vergleicht sich der Landgraf mit einem zum Aus- gleich neigenden Nachfolger auf dem Mainzer Erzstuhl und erreicht sogar mit dessen Hilfe 1292 die Erhebung in den Reichsfürstenstand durch den damaligen deutschen König Adolf von Nassau. Nunmehr hatte das hessische Landgrafenhaus eindeutig den Vorrang vor allen anderen hessischen Grafengeschlechtern und war die führende weltli- che Macht in unserem Raum geworden.

Gewarnt durch die Erfahrungen und in der klaren Erkenntnis, daß der Kampf mit Mainz um die Landeshoheit damit nicht beendet, sondern eigentlich erst in seine entscheidende Phase getreten war, gingen die Landgrafen Heinrich I. und sein Sohn und Nachfolger Otto l. nunmehr daran, ihren südlichen Eckpfeiler Gießen weiter auszubauen. Die älte- ste Bürgersiedlung um den Marktplatz und die wohl noch ältere Vor- burg erweitern sich durch den vom Landesherren geförderten Zuzug aus den Nachbardörfern schnell; die Stadt greift vor allem nach Osten, Süden und Südwesten weiter aus. Mit dem Mauerbau wird das Alte Schloß am Brandplatz als landgräfliche Wasserburg in die Um- wehrung einbezogen. Seine Errichtung möchte ich in Übereinstimmung mit jüngeren Forschungen Herbert Krügers schon für die Zeit kurz vor 1300 annehmen. Im Westen entsteht die Neustadt, die bereits 1307 genannt wird und deren Bewohner 1325 vom Landgrafen die gleichen Rechte erhalten wie die Bewohner der älteren Marktsiedlung. Aber schon 1330 liegt der"vicus Santgasse nextra muros oppidi außerhalb der Stadtmauer, so daß diese Neustadt- nicht identisch mit der heu- tigen Straße Neustadt- wohl der Bezirk ist, der zwischen der älte- sten Marktumwehrung und der Stadt mauer inzwischen besiedelt worden war, nämlich die jetzige Marktstraße. Ursprünglich hatte die Stadt nur das Südtor, das nach Selters und das Nordtor, das zum Wiesecker Wald und in Richtung Marburg-Kassel führte; nun kommt mit der Neustadt auch das dritte Tor hinzu, das den Weg zur Lahn und hin- über ins"Kroppacher Feld auf der rechten Lahnseite öffnete. Aber auch die stärkere Befestigung kann es nicht hindern, daß Gießen wäh- rend neuer schwerer Auseinandersetzungen zwischen Mainz und Hessen im September 1327 nach längerer Belagerung von den Truppen des Erzbischofs Mathias eingenommen wurde. Es spricht für die positive Einstellung der Gießener Bürger zu ihrem Landesherren, daß sich die Einwohnerschaft bald gegen die Mainzer Besatzung erhob und sie aus der Stadt vertrieb. Freilich soll nicht verschwiegen werden, daß die

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