leuten und beließ sie in ihren Gießener Burgsitzen. Vor allem aber erkannte Heinrich die politische Notwendigkeit, die von ihm neu er— worbene, aber nicht begründete Burg und Stadt Gießen zu einem star-— ken Bollwerk, einem Vorposten zu machen, der seine Landgrafschaft nach Süden abschirmen konnte.
Wenn auch die urkundliche Tradition für das 13. und 14. Jahrhundert nur sehr spärliche Nachrichten über die älteste Geschichte unserer Stadt auf uns kommen ließ, so glaube ich doch an anderer Stelle nachgewiesen zu haben, daß es bereits der erste hessische Landgraf war, der durch eine großzügige Schenkung an Grund und Boden der Stadt den lebensnotwendigen Rückhalt gab, und damit ihre Bewohner, Burgmannen wie Bürger, in die Lage setzte, ein wirtschaftlich gesun- des, lebensfähiges Gemeinwesen aufzubauen. Der große Gießener Stadtwald wurde seinen Vasallen und Untertanen zu markgenossen- schaftlicher Verwaltung übergeben und ihnen außerdem das Recht zuerkannt, das für ihre landwirtschaftlichen Bedürfnisse nötige Land aus dem Wald zu roden. Es war eine echte"Entwicklungshilfe“ im modernen Sinn dieses Wortes, die hier gewährt worden ist. Schon 1310 erscheint das"Alte Feld“ in einer Arnsburger Urkunde; es ist- auf dem ursprünglich bewaldeten Nahrungsberg gelegen- das älteste an- gerodete Ackerfeld der Stadt oberhalb der damals alljährlich über- schwemmten Talaue der Wieseck.
In unseren Tagen nun wird auch das wAlte Feldu“- wie wenige Jahre zuvor der Rodtberg- überbaut werden, und dann sind sicher nur noch die Flur- oder Straßennamen Erinnerung daran, daß hier der Wald einst bis unmittelbar vor die Tore der Stadt reichte und die Einwoh-— ner dort ihre ersten Feldfrüchte auf frischem Rodungsland ernteten.
Hat auch das Holz als Rohstoff, Brenn- und Gebrauchsmaterial an Wert und Bedeutung verloren, so wissen wir heutigen Bürger in der Rückschau auf sieben Jahrhunderte doch recht gut, was diese Waldga- be für das Leben der Stadt und ihrer Bewohner bis auf diesen Tag wert gewesen war, und die rd. 100 Gulden, die Gießen noch bis ins 18. Jahrhundert jährlich an den Landesherrn zahlte, scheinen uns nur ein unbedeutendes Aquivalent für ein großes Geschenk.
Stärkte Landgraf Heinrich so die innere Kraft der Stadt und suchte die Treue ihrer Bewohner zu gewinnen, so ließ er auch nichts unver-— sucht, die Stadt nach außen fest und sicher zu machen. Wahrschein- lich baute er schon die Mauer, die um 1300 vorhanden war, minde-— stens aber errichtete er Erdwerke und führte zahlreiche künstliche und natürliche Wieseckarme um die kleine Wasserburg. Bezeichnend ist jedenfalls, daß Erzbischof Werner von Mainz die Stadt im Jahre 1280 vergeblich belagerte und abziehen mußte, nachdem er zwar die Umge— bung, aber nicht die Stadt selbst verwüstet hatte. Ein unbefestigtes Gießen hätte diesen Widerstand nicht leisten können. Dem Landgraf
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