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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Felsen(Hellas) und der Wißmarer Lahnbrücke, wo noch heute die Flurnamen"auf dem Lahnplacken und"Gänsweide vorkommen.

Nachrichten des 14. und 15. Jahrhunderts machen es wahrscheinlich, daß wir die Allmende des ausgegangenen Dorfes Achstatt vor uns ha- ben. Dieser Weidebezirk, von der Lahn immer wieder überschwemmt, zerschnitten und verändert, hatte ursprünglich keine feste Umgrenzung und wurde von dem Nachbardorf Launsbach mitbenutzt.

Mit dem Aufgehen Achstatts in der Gießener Gemarkung aber hielten die Launsbacher an ihren Weiderechten fest, zumal die Lahn bis in die jüngste Zeit ihr Bett ständig veränderte. So konnte es auch ge- schehen, daß trotz des Teilungsvertrages von 1585(Hessen und Nas- sau), der die Lahn hier zur Grenze bestimmte, Launsbacher und Wig- marer Gemarkungsteile zwar staatsrechtlich hessisch wurden, aber kommunalrechtlich im Besitz der Gemeinden Launsbach und Wißmar verblieben. Ständige Auseinandersetzungen zwischen Gießen und Launs- bach um den Viehtrieb und die Weide in diesem Gebiet beherrschen das Bild vom 16. bis ins 19. Jahrhundert.

Gießener Wünschen nach Aufteilung widerstrebten die Launsbacher lange Zeit erfolgreich, obwohl ihre eigene nassauische Obrigkeit ihnen einen Vergleich mit Gießen nahelegte. Beachtlich ist hier der Launs- bacher Einwand, daß udas steuerfreie gemeinsame Weidelandu für die Launsbacher lebensnotwendiger Viehtrieb sei, und zwar aus zwei Grün- den. Einmal deutet die Steuerfreiheit dieses Landes auf altherge- brachte Allmendrechte hin, die wahrscheinlich schon vor dem Wüst- werden Achstatts vorhanden waren; zum anderen ist Steuerfreiheit von Ländereien in früheren Zeiten immer eine große wirtschaftliche Entlastung für Dorfschaften gewesen. Interessant ist hier ferner, daß die Größe dieses Weidebezirkes durch die dauernden Lahnlaufänderun- gen häufigen Schwankungen unterworfen war.

Erst 1834 wurde die Gänsweide als Koppelhutbezirk aufgehoben und zwischen Gießen und Launsbach geteilt, wobei Gießen 4/5 und Launsbach 1/5 des Geländes erhielt. Damals entstand die heutige Grenzziehung in diesem Gebiet. Erwähnenswert ist hier, daß die Stadt das ihr zugesprochene ehemalige Koppelweidland sogleich an Private weiter veräußerte. Das führte zu geharnischten Protesten der privat- rechtlich einzustufenden Gießener Schäferei-Gesellschaften, die der Stadt das Recht bestritten, ehemaliges Allmendland der gemeinsamen Weide zu entziehen.

Mit seiner großen Nachbargemeinde Wieseck hatte Gießen den Kop- pelhutbezirk"in den Auwiesen gemeinsam, in seiner Ausdehnung wohl der größte gemeinschaftliche Weidebezirk. Er erstreckte sich südlich der Wieseck vom Waldbrunnenweg im Westen bis zur Grenze nach Rödgen und Buseck im Osten.

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