DIE ENTWICkKLUNG DER GIESSENER GEMARKUNG VON DER STADTGRUÜNDUNG BIS IN UNSERE ZEIT
Vortrag im Oberhessischen Geschichtsverein Gießen 1963
(Der Vortrag schildert die Situation, wie sie vor den verschiedenen Gebietsreformen der 70er Jahre bestanden hat.)
Beginnen wollen wir unsere Betrachtungen mit einem Blick auf die heutige Gießener Gemarkung. Ihre eigenartige Form und außergewöhn- liche Größe(in der Relation zur Einwohnerzahl die größte aller kreisfreien Städte in Hessen) werfen die Frage auf, wie diese Gemar- kung im Laufe der 800jährigen Geschichte der Stadt entstanden und gewachsen ist.
Es mag Sie, verehrte Zuhörer, zunächst erstaunen, wenn ich von der 800jährigen Geschichte unserer Stadt spreche, denn wir haben ja erst vor 15 Jahren das 700jährige Jubiläum Gießens gefeiert. Aber wir wis- sen, daß solche Feiern und Feste auf die mehr oder minder zufällige erste schriftliche Erwähnung einer Siedlung(in unserem Fall die Ersterwähnung Gießens als Stadt) bezogen werden. Die Anfänge Gie- ßens aber reichen zweifellos bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zu- rück, so daß wir mit voller Berechtigung von der 800jährigen Ge- schichte sprechen dürfen.
Es ist in diesem Zusammenhang und zum besseren Verstehen des ei- gentlichen Vortragsthemas hier angebracht, einige Bemerkungen zur Gründung der Stadt und zu ihrer frühesten Entwicklung zu machen. Der Stadtkern Gießens war bis ins 12. Jahrhundert siedlungsfrei, weil die versumpfte und regelmäßig überschwemmte Talaue der Lahn eben- so wie das Mündungsdelta der Wieseck siedlungsfeindliche Bereiche waren. Es sind weder früh- oder vorgeschichtliche Besiedlungsspuren durch Funde nachweisbar noch lassen sich fränkische Wurzeln finden, wie sie in der näheren Umgebung(z.B. Wieseck und Großen-Linden) durchaus vorhanden sind.
Die Entstehung von Burg und Stadt Gießen im Verlaufe des 12. Jahr- hunderts steht in enger Beziehung zum Gleiberg. Dort war inzwischen die ursprünglich vom Reich lehnbare Grafschaft an der mittleren Lahn von der Amtsgrafschaft zum frei vererbbaren Besitz(Allod) der Glei- berger Grafen geworden. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts kam es zur Teilung dieser Grafschaft in eine West- und eine Osthälfte. Letz- tere erhielt Graf Wilhelm v. Gleiberg, der zwischen 1131 und 1162 urkundlich erscheint. Seine Witwe Salome wird 1197 als"Gräfin von Gießen“ bezeichnet.


