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Geschichte von Burg Gleiberg / von Dr. Hugo von Ritgen, Geh. Baurath und Professor ; herausgegeben vom Oberhessischen Verein für Localgeschichte
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Geſchichte von Burg Gleiberg. 9

vorangingen. Sittengeſetz war nur Gehorſam gegen die Kirche und Unter⸗ werfung unter die äußerlichen Bußen. Am ſchlimmſten waren die Frauen daran; aus ihrer kerkerartigen Wohnung im Palas oder in dem anſtoßenden Weiberhauſe hatten ſie den Blick nur in den engen Burghof; wollten ſie in's Freie hinausſchauen, mußten ſie auf die Zinnen ſteigen. Geſellige Tugenden und Anlagen konnten ſie nicht ausbilden, weil die Wege zu ſchlecht, die Wohnſitze zu entfernt waren, um einen regen Ver⸗ kehr zu ermöglichen. Während der Mann oft lange im Kampf und auf weiten Kriegsfahrten abweſend war, blieb der Edelfrau die kräftige Leitung des Hausweſens und Oeconomieweſens, die Erziehung der Kinder, die Pflege der Kranken und die ſtrenge Ueberwachung des Ingeſindes. Wohl fehlte es da nicht an Beiſpielen echter Weiblichkeit, ſtarken Sinnes und ſelbſt gelehrter Thätigkeit; und hier lag der Keim für die künftige Zeit der Bildung und der Innerlichkeit des religiöſen Sinnes und der Tiefe des Glaubens.

Nur wenig Urkunden geben uns Nachricht über die ältere Geſchichte von Gleiberg:

Graf Otto, gewöhnlich der Salier genannt, der Gründer der Burg, ſtarb früh, wahrſcheinlich ſchon vor ſeinem Bruder, König Conrad I, welcher am 31. September 918 verſchied, nachdem er ſieben Jahre lang vergeblich um die Anerkennung der Königsgewalt gegen Heinrich, Otto's des Erlauchten von Sachſen Sohn, gekämpft hatte. Vor ſeinem Ende aber hatte er noch ſeinen Bruder Eberhard ermahnt, zum Wohle Deutſch⸗ lands ſeinen Gegner Heinrich, als den Mächtigſten und Beſten, den deutſchen Stämmen zu ihrem Könige vorzuſchlagen. Eberhard, tief ergriffen von ſeines Bruders letzten Worten, begab ſich mit den Franken⸗ fürſten nach Memleben, um Heinrich die Reichskleinodien zu überbringen. Sie fanden ihn dort beim Finkenfang, und daher erhielt Heinrich I als deutſcher Kaiſer den Beinamen der Finkler. So ging durch die Erhebung Heinrichs die Königswürde von den Franken auf die Sachſen über. Wenn man aber Heinrich gewöhnlich auch als den Burgenerbauer und Städte⸗ gründer bezeichnet, ſo iſt das nur ſo zu verſtehen: Wie ſchon Schloſſer (Weltgeſchichte) richtig bemerkt, dachte Heinrich nicht daran Städte zu gründen, er veranlaßte aber ſeine Sachſen im öſtlichen Theile ſeines Landes zur Anlage von Ortſchaften, welche nicht, wie die Dörfer bisher, offen blieben, ſondern mit Mauern umgeben wurden, damit ſie Zufluchts⸗ orte gegen die ungariſchen Räuber abgeben konnten. In ſolchen feſten Dörfern hatten dann die in kaiſerlichen Dienſten ſtehenden Mark⸗ und

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