L. U. 256. Pr. 29. Dez.“ 1830. * Nr. D 8536. Darmſtadt am 17. December 1830.
2 05⸗ M. Berc D I Venia—
Das Großherzoglich Heſſiſche Giessen. Miniſterium des Innern und der Iuſtiz
an
Großherz. Heſſ. Landes⸗Univerſität zu Gießen,
auf den Bericht vom 14. Juli d. J. Nr. L. U. 76.
Wa finden uns veranlaßt, über dieſen Gegenſtand folgende Vorſchriften zu ertheilen:
1) Die Venia legendi auf der Landes⸗Univerſität ſoll künftig nur denjenigen ertheilt wer⸗ den, welche a), in einer vor dem einſchlägigen Promotions⸗Colleg ſchriftlich und mündlich zu beſtehenden ſtrengen Prüfung diejenigen Kenntniſſe und diejenige Gabe der Deutlichkeit und des Vortrags in genügendem Maaſe bewährt haben, die zur Ertheilung eines zweckmäßigen, die Würde des Lehramts nicht herabſetzenden academiſchen Unterrichts unerläßliche Bedingung ſind, ſodann b) öffentlich disputirt haben und c) eine mit dem Imprimatur des Decans der einſchlägigen Facultät verſehene Probeſchrift haben drucken laſſen. Auch ſoll d) die Venia le- gendi denjenigen nicht ertheilt werden, welchen ein unſittliches Leben zur Laſt fällt, und welche ſich über die Möglichkeit ihrer Subſiſtenz auf der Academie nicht wenigſtens einigermaſen ausweiſen können.
2) Die Erlangung des Doctorgrads allein ſoll demnach die Venia legendi noch nicht zur Folge haben, ſo wie dieſelbe auf der anderen Seite, wenigſtens in den theologiſchen Facul⸗ täten, die Ertheilung der Venia legendi nicht nothwendig bedingt, indem auch dem bloßen Li⸗ centiaten der Theologie die Venia legendi ſoll ertheilt werden können, ſobald dieſer den im §. 1. vorgeſchriebenen Anforderungen Genüge geleiſtet hat.
3) Die ertheilte Venia legendi begründet für den Erwerber das Recht, in allen einzelnen Zweigen der Faeultätswiſſenſchaft, worauf ſich dieſe Venia bezieht, Privat⸗Unterricht zu er⸗ theilen.— Dieſe Regel leidet wegen des bedeutenden Umfangs und der großen Mannigfaltig⸗ keit der der philoſophiſchen Facultät angehörigen Fächer nur in der Art eine Ausnahme, daß die in dieſer Facultät zu ertheilende Venia legendi die einzelnen Lehrzweige namentlich auffüh⸗ ren ſoll, worin der Candidat geprüft und genugſam befähigt befunden worden iſt.
4) Den auf einer auswärtigen Univerſität promovirten oder die Venia legendi daſelbſt erlangt habenden Individuen kann die Venia legendi auf der Landes⸗Univerſität nur dann er⸗ theilt werden, wenn ſie den dieſelbe bedingenden allgemeinen geſetzlichen Vorſchriften Genüge geleiſtet haben werden.— Es verſteht ſich indeſſen von ſelbſt, daß von einer nochmaligen Promotion derſelben keine Rede ſeyn kann.
5) Die Venia legendi ſoll in einer im Namen und Auftrag des ganzen academiſchen Senats auszufertigenden und von dem Rector, dem Kanzler und dem Decan der Fakultät, unter Beifügung des Univerſitätsſiegels zu unterſchreibenden beſonderen Urkunde ertheilt und es ſoll darin zugleich ausgeſprochen werden, daß die Venia legendi wieder eingezogen werden würde, ſobald der dieſelbe Erlangende den von ihm als Privatdocent zu übernehmenden Ver⸗ pflichtungen nicht getreu nachkommen werde.
Die geſchehene Ertheilung der Venia legendi iſt ſodann durch einen Anſchlag an das ſchwarze Brett nachrichtlich bekannt zu machen, und dieſe Bekanntmachung von dem Rector, dem Kanzler und dem einſchlägigen Decan zu unterzeichnen.
6) Wer ſich Werbungen zu Vorleſungen erlaubt, ſich einem unſittlichen und unanſtändi⸗ gen Lebenswandel ergiebt, bei Ertheilung des Unterrichts nicht den möglichſten Fleiß anwendet und überhaupt die auf den academiſchen Unterricht ſich beziehenden geſetzlichen Vorſchriften nicht
genau befolgt, verliert die erhaltene Venia legendi.
Hiernach werden Sie ſich bemeſſen und das Geeignete verfügen.
du Thil. Bechtold.
Für die Beglaubigung der Abſchrift Dr. Banſa.


