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Im Jahre fünfundfünfzig Da ward das Wort zur Tat; Ein Steigerzug und Spritze Erſchien bald in der Stadt. Und ſo entſtand Die Gatl'ſche Feuerwehr Zum Schutz der lieben Nächſten Und Gott zur Ehr!
Und noch im ſelben Jahre In Gießen neu erſtand 'ne Feuerwehr— ſie wird heut Die„Gießener“ genannt. Und beide Wehr'n War'n fortan hilfsbereit, Des Bürgers Dach zu ſchützen Zu jeder Zeit.
Darum ſoll heut erſchallen Ein brauſendes„Hut Wehr!“ Den wackeren Wehrmännern In beiden Corps zur Ehr! Mög' finden ſie Bereit zu edler Tat Wenn hoch die Flammen ſchlagen Die Vaterſtadt.
Gießen 1005. Hermann Elle.
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Die älteften Ortsfeuerlöſchordnungen der Stadt Gießen.
In ſeiner verdienſtlichen Feſtſchrift zum Gießener Feuerwehrfeſt vom Jahre 1804 erwähnte Herr Dr. Carl Naumann— deſſen ſchwere, nun ſchon ſo lange dauernde Urankheit wir und mit uns ge⸗ wiß mancher Feuerwehrmann aufs Lebhafteſte beklagen; wäre ſie nicht eingetreten, ſo hätte er ſich gewiß auch wieder bereit finden laſſen, in irgend einer Weiſe mitzutaten— auf S. 25 die hochfürſtlich heſſen⸗ darmſtädtiſche Feuerordnung vom Jahre 1767, die bis zum 21. März 1857 in Geltung geblieben iſt, um dann zunächſt durch eine Verord⸗ nung abgeändert zu werden, und am 29. März 1800 durch das Ge⸗ ſetz, die Landesfeuerlöſchordnung betreffend. Wie dieſe und die zu ihrer Ausführung erlaſſene Miniſterialverordnung vom 11. Oktober 1890 für Gießen ergänzt wird durch die Ortsfeuerlöſchordnung vom 12. Juli 1892, die dem Namen nach noch heute in Geltung ſteht, wenn in der Praxis auch ſchon manches wieder anders geworden iſt und gewiſſe Dinge noch im Werden ſind(ſo die Aenderung der Alarmierung, die nicht bloß von der Feuerwehr ſchon ſeit vielen Jahren gewünſcht wird), ſo jene Landes⸗Feuer⸗Ordnung durch die Feuerordnung der Stadt Gießen vom 26. Nov. 1775. Dieſe aber iſt eine landesherrliche Abänderung der„Feuerordnung der Stadt und Veſtung Gießen“, die am 10. Ja⸗ nuar 1667 von der Gießener fürſtlich heſſiſchen Regierung erlaſſen worden iſt.
Da ſie, ſoweit wir haben feſtſtellen können, die älteſte Verordnung dieſer Art für Gießen iſt, ſo bringen wir ſie im Folgenden nach einem dem Muſeum des oberheſſiſchen Geſchichts⸗Vereins gehörenden Exemplar
euer-Sronung
Der Statt und Veſtung
Gieſſen.
Gedruckt zu Gieſſen oſeph Dieterich Dampeln/ Der Löblichen Univerſität Beſtelltem Buch⸗Drucker. 1 6 6.
Gei J
, A in dieſer Statt ein Feuersbrunſt(ſo Gott
7 gnädiglich verhüten wolle:) entſtünde/ ſoll der Thurn⸗ mann ſo bald uff die großen Glocken ſchlagen und an l welchem Ort der Statt ein Feuer auffgehe/ deß Nachts S mit einer außgehengten Laternen/ und darin angezünde⸗
* ten Licht/ bey Tag mit einer außgeſteckten rothen Feuer⸗ Fahnen anzeige thun/ damit jedermann/ wo das Feuer ſeye/ ſich zu⸗ richten haben möge.
2. Wann der Müller in der Statt⸗Mühl gewahr wird/ daß ein Feuer in der Statt auffgehe/ ſoll er ſo bald die Mühlen ſtill ſtehen laſſen/ die Waſſer⸗Bretter vormachen/ und alles Waſſer zum Eingeren (damit deſto mehr Waſſer in der Statt in der Eyl ſein möge) ver⸗ weißen/ dergeſtalt zu dem Ende eine Schleuße an die kleine Löhn ge⸗ ſetzt werden ſoll/ damit das Waſſer umb ſo viel do beſſer in die Statt gezwungen werden könne.
3. So bald nun ein Feuersbrunſt bey Nacht oder bey Tag entſtehet) ſoll dem Commendanten, durch den Statt⸗Wachtmeiſtern eilende Anzeige darvon geſchehen welcher alßdann wegen derer ſämbt⸗ lichen Wachten in der Veſtung/ und wie es mit Schlieſſung der Thoren/ wie auch wegen Einlaſſung deß Waſſers am Eingerenn und ſonſten zuhalten) anordnung thun wird.
4. Demnach aber die Statt Gieſſen in vier Quartier/ alß nemb⸗ lich/ das Wallpförter/ Neuweger/ Sältzer⸗/ und Meuſtatter Thor abge⸗ theilet/ ſo ſoll auff den Nothfall) da ein Feuer in dem Wallpförter Quartier entſtünde(da doch SGOTC gnädig vor ſeye) allein die Neu— ſtatter Bürger vor deß Statt⸗Hauptmanns Logiment mit ihren Ge⸗ wehren/ darauff ſie gemuſtert/ erſcheinen/ und daſelbſten Beſcheyd er⸗ wartten/ die andern drey Quartier aber/ nach dem Feuer zueilen und Rettung thun.
5. So aber ein Feuer in dem Neuweger Q„uartier angienge/ ſollen die Wallpförter mit ihren Gewehren vor deß hauptmanns Lo- giment erſcheinen/ die übrige mit Rettung dem Feuer zueilen.
6. Wann aber vor dem Sältzers⸗CThor eine Feuersbrunſt ent⸗ ſtünde/ ſoll ebenmäßig das Wallpforter Duartier mit ihren Gewehren vor deß Hauptmanns Logiment erſcheinen/ die andern/ dem Feuer mit Macht zueilen/ und ſo viel immer möglich/ hülffe erweißen.
7. Im fall in der Neuſtatt, ein Feuersbrunſt ſich erreugen würde, ſollen die Wallpförter/ und Sältzerpförter den Noth leidente mit Rettung bey ſpringen/ und die Meuweger ſchütze vor des Statt⸗Haupt⸗ manns Logiment mit ihren Gewehren ankommen und auffwarten.
8. Die Steindecker ſollen am erſten bey dem Feuer ſeyn/ di Tächer erſteigen/ und dem Brand ſo viel möglich ſteuren.
9. Die Rotten/ welche dem Zeus- oder Rath⸗Haus am nechſten geſeſſen, wie auch jedermänniglich ins gemein, ſollen denſelben zueilen und die lederne Symer daſelbſten abholen) mit denen dem Waſſer (wo es am negſten) zulauffen/ und das Feuer ſo viel immer möglich tilgen helfen.
10. Es ſollen alle Simmerleuthe mit ihren Aexten/ wie auch Meurer mit ihren Handwercks⸗Waffen/ vorm Rath⸗hauß jedesmahl erſcheinen/ daſelbſten uffwarten und fernern Befelchs gewertig ſeyn.
11. Die jenige Bürger/ ſo der Feuers⸗Brunſt am nechſten ge⸗ ſeſſen ſeyn/ ſollen ſobald groſſe Bütten vor ihre Häußer ſetzen) und ſelbige mit Waſſer anfüllen.
12. In der Statt ſollen an der Bach) etliche kleine Schleußen hier und dar gemacht werden/ damit mann bey Feuers⸗Noth das Waſſer in der Nähe hemmen/ und in abundantz haben könne.
13. Es ſollen auch daſelbſt in den Gaſſen Dammen geſchlagen werden/ damit das Waſſer ſo auß den Kellern und Häußern getragen und außgeſchüttet wird/ möge gehemmet und zu Cilgung deß Feuers deſto bequemlicher gebraucht werden, wie dann daſelbſt-⸗hin vorermelte Rotten/ mit Miſt⸗Hacken und Gabeln ſollen verordnet werden.
14. Alle Taglöhner/ welche nicht Bürger ſollen bei Leibsſtraff jedesmal uffm Lindenplatz erſcheinen und daſelbſten was ihre Verrich⸗ tung ſeyn ſoll/ beſcheids erwarten/ und keiner ohne Anweißung beim
Feuer ſich finden laſſen.
15. Die gefrepte Perſonen*) ſollen ſich eben ſo wohl zum leſchen deß Feuers nähern/ oder doch ihre Leuthe ſchicken.
16. Damit mann aber in der Macht deſto beſſer in allen zu⸗ tragenden Fällen/ uff den Gaſſen fortkommen könne/ ſollen an unter⸗ ſchiedenen Orten/ der Statt⸗Gaſſen/ Feuer⸗Pfannen angeſchlagen/ den anwohnenden Bürgern/ vom Burgermeiſter Bech⸗Kräntz zugeſtelt die⸗ ſelbe in vorfallenden Nöthen jederzeit angezündet/ und dadurch Licht erhalten werden.
12. Es ſollen auch die vier Statt⸗Quartiermeiſter die Fuhrleuth dahin anweiſen/ und jedes Duartiers Wagenmeiſter ſonderlich flichtig ſeyn/ dieſes zu verrichten/ daß die Fuhrleuthe jederzeit gefaßt in der⸗ gleichen und andern vorfallenden Nöthen/ mit ihren Pferden und Ge⸗ ſchirren/ ſo bald fertig zuſeyn/ uff dem Platz vorm Zeughauß zuer⸗ ſcheinen/ und daſelbſten Beſcheids zuerwarten.
*) Gefreyte Perſonen: Privilegierte, zu denen beſonders alle Univerſitäts⸗ angehörige gehörten, die von mancherlei Auflagen befreit waren.


