Druckschrift 
Die Schiffbarmachung der Lahn von der Mündung bis Gießen / die Großherzogliche Handelskammer, der Vorsitzende Koch, der Eynditus: Dr. Knipper
Einzelbild herunterladen

2

barten Waſſertiefe verwendet, ſodaß ſeitdem keine Schiffe auf dieſer Strecke des Fluſſes verkehren können.

Trotz der Schaffung eines neuen Beförderungsmittels in der Erbauung der Lahnbahn traten bald wieder Beſtrebungen hervor, die eine Schiffbarmachung der Lahn bezweckten. Sie hatten zunächſt den Erfolg, daß im Jahre 1873/74 von der Königlich Preußiſchen Regierung die Regulierung der Lahn mit einem Koſtenaufwand von 6,75 Millionen Mark in Ausſicht genommen wurde. Die Ausführung dieſes Projektes ſcheiterte aber an dem Widerſtande des Landtages.

Von den Intereſſenten wurde dann im Jahre 1875 ein neues Projekt aus⸗ gearbeitet, das ſogen. Cuno'ſche Projekt, das einen Verkehr von 200⸗Tonnen⸗Schiffen auf der Lahn in Ausſicht nahm. Die Koſten der Regulierungsarbeiten waren auf 6,9 Millionen Mark von Wetzlar bis zur Mündung veranſchlagt. Das Projekt kam aber niemals zur Ausführung, was um ſo weniger zu bedauern iſt, als damit eine den modernen Anforderungen entſprechende Waſſerſtraße doch nicht erreicht worden wäre.

Im Jahre 1897 wurde von der Firma Haveſtadt& Contag in Berlin im Auftrage der Kommiſſion zur Förderung der Lahnkanaliſierung ein neuer Entwurf fertiggeſtellt, der einen Verkehr von 600⸗Tonnen⸗Schiffen auf der Lahn vorſah. Die Koſten der Kanaliſierung der Lahn bis Wetzlar wurden auf 3136 Millionen Mark veranſchlagt. Der Plan wurde von den Intereſſenten dem Königlich Preußiſchen Herrn Miniſter der öffentlichen Arbeiten zur Ausführung vorgelegt, erfuhr jedoch eine Ab lehnung, da ſowohl hinſichtlich der Wirtſchaftlichkeit des Entwurfes, wie auch in tech niſcher Beziehung gegen ſeine Verwirklichung Bedenken beſtanden.

Inzwiſchen war am 16. Mai 1903 zu Limburg a. d. Lahn der Lahnkanalverein gegründet worden, der alle auf die Schiffbarmachung der Lahn gerichteten Beſtrebungen fördern ſollte. Nachdem er ſich angeſichts der ſchweren Bedenken der Regierung von der Ausſichtsloſigkeit des von der Firma Haveſtadt& Contag ausgearbeiteten ſogenannten großen Lahnkanalprojektes überzeugt hatte und auch von den Intereſſenten an der unteren Lahn ſelbſt der Ausführung des großen Projektes Widerſtand entgegengeſetzt wurde, ver⸗ zichtete er auf die Verwirklichung dieſes Planes. Da ſich auch mit 300⸗Tonnen⸗Schiffen ein leiſtungsfähiger Schiffahrtsverkehr auf der Lahn erwarten ließ, ſo beantragte der Verein in einer am 23. Februar 1904 an den Königlich Preußiſchen Herrn Miniſter der öffent⸗ lichen Arbeiten gerichteten Eingabe, die waſſerwirtſchaftliche Vorlage durch einen Nach⸗ trag zu ergänzen, in dem der Ausbau der Lahn auf Staatskoſten zu einer leiſtungs⸗ fähigen Waſſerſtraße von der Mündung bis zur preußiſch⸗heſſiſchen Grenze für den Verkehr mit Schiffen von etwa 300 Tonnen Tragfähigkeit unter tunlichſter Berückſichtigung der Schleuſenanlagen gefordert wurde. Unterm 2. Mai 1904 wurde von dem Verein eine weitere Eingabe an das Preußiſche Abgeordnetenhaus gerichtet, in welcher die Kanaliſierung der Lahn bis zur preußiſch⸗-heſſiſchen Grenze bei Gießen beantragt wurde, um auch den Verkehr der Provinz Oberheſſen der Lahnſchiffahrt ſoweit als möglich zuzuführen. Nach der Schätzung von Sachverſtändigen würden ſich bei dieſen Beſchränk⸗ ungen des urſprünglichen Planes auf Grund älterer Koſtenanſchläge die Baukoſten nur auf 10 bis 12 Millionen Mark von der Mündung bis zur preußiſch-heſſiſchen Grenze belaufen. Der Königlich Preußiſche Herr Miniſter der öffentlichen Arbeiten hat im ver⸗ gangenen Sommer eine Unterſuchung über die Zweckmäßigkeit einer Verbeſſerung der Schiffahrt auf der Lahn von der Mündung bis Gießen angeordnet und die Königliche Waſſerbauinſpektion in Diez a. d. Lahn mit der Ausarbeitung eines Gutachtens beauftragt.

Die eingehende Erörterung des Projektes hat in den Kreiſen der Intereſſenten jetzt zu einer einheitlichen Auffaſſung und klaren Erkenntnis des Erreichbaren und wirtſchaftlich Zweckmäßigen geführt. Die Schiffbarmachung der Lahn von der Mündung bis Gießen für 300⸗Tonnen⸗Schiffe, die ohne Umladung auf den Rhein übergehen können, gilt heute als das allein erſtrebenswerte Ziel aller an der Lahnſchiffahrt inter⸗ eſſierten Kreiſe.

Bei einem Ausbau der Lahn zu einer Waſſerſtraße würde ſich das der Lahn⸗ ſchiffahrt zufallende Verkehrsgebiet von Gießen ab nordwärts bis Treyſa, nach Oſten bis Fulda und nach Süden bis in die Kreiſe Büdingen und Friedberg erſtrecken. Die wichtigſten Städte in dieſem Gebiete ſind Gießen mit rund 28 000 Einwohnern und Marburg mit etwa 18 000 Einwohnern. Die geſamte Einwohnerzahl des Verkehrsgebietes iſt auf etwa 300 000 Perſonen zu veranſchlagen.

Ein großer Teil der Bevölkerung findet ſeinen Erwerb in der Landwirt⸗ ſchaft, die den Ueberſchuß ihrer erzeugten Güter nach auswärts verſendet und hin⸗ gegen Dünge⸗ und Futtermittel bezieht.