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Zur Verbesserung der Gießener Eisenbahn-Verhältnisse / R. S.
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NM. 2576 ſe fot. r.]

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8 FA (R: HESS W

1IITALK.

Zur Verbeſſerung der Gießener Eiſenbahn⸗Verhältniſſe.

Durch die raſche Entwickelung der Stadt Gießen in Verbindung mit der Steigerung des Verkehrs auf den ober⸗ heſſiſchen Bahnen haben ſich in unſeren Eiſenbahnverhältniſſen eine Reihe von ſchweren Mißſtänden ergeben, die in den nächſten 10 Jahren beſeitigt werden müſſen, wenn nicht unerträgliche Zuſtände entſtehen ſollen. Ohne irgend welche Vorwürfe zu erheben, wollen wir hier einen Plan zu ihrer Beſeitigung kurz erörtern.

Zunächſt machen wir dieſelben namhaft:

1. Die Intereſſen des ſüdlich von der Liebigſtraße zum Theil auf dem Seltersberg gelegenen Abſchnittes der Stadt ſind durch die Lage der oberheſſiſchen Bahnlinie, welche die Frankfurter⸗ und Liebigſtraße ſchief durchſchneidet, ſtark geſchädigt.

Beſonders ſeit der an ſich erfreulichen Verkehrsſteigerung auf den oberheſſiſchen Bahnen, welche anſcheinend zum Theil mit der preußiſch⸗heſſiſchen Eiſenbahngemeinſchaft zuſammen⸗ hängt, iſt der Zuſtand an dieſem Uebergang unerträglich geworden.

Dazu kommt, daß es bei dieſer Lage der Bahnſtrecke unmöglich iſt, den Seltersberg in die wünſchenswerthe Ver⸗ kehrsverbindung mit der von Nord' nach Süd' geſtreckten Stadt zu bringen, was techniſch in Anbetracht der Steigung durch eine electriſche Straßenbahn ſehr leicht möglich wäre. Die Umwandlung unſerer weithin bekannten Omnibus⸗ linie in eine electriſche Bahn, welche die Erhebung des Seltersberges mit größerer Leichtigkeit überwinden würde, iſt ausgeſchloſſen, ſolange das Hinderniß der oberheſſiſchen Bahn⸗ linie vorhanden iſt.

Die Entwickelungsrichtung der Stadt iſt hauptſächlich eine nord⸗ſüdliche. Die natürlichen Endpunkte des Local⸗ verkehrs in dieſer Richtung liegen an der Marburgerſtraße einerſeits, an den neuen Kliniken andrerſeits. Die Beendigung beider Omnibuslinien am Bahnhof iſt unnatürlich und ſchaltet den ſüdlichen Theil der Stadr von der Liebigſtraße an völlig von dieſem Verkehr aus.

Es muß alſo durch Beſeitigung der oberheſſiſchen Bahnlinie Raum für den Verkehr mit dem ſüdlichen Theil der Stadt geſchaffen werden. Sobald dies geſchieht, iſt die Umwandlung unſerer Ommbuseinrichtung in eine electriſche Bahn mit den nord⸗ſüdlichen Endpunkten Marburgerſtraße Neue Kliniken bezw. Klein⸗Linden nur eine Frage weniger Jahre.

Abgeſehen von dieſer Verkehrserleichterung, handelt es ſich um die Bebauung des Seltersberges und ſeines nach der Liebigſtraße gerichteten Fußes. Der Abhang des Selters⸗ berges, welcher der oberheſſiſchen Bahn zugekehrt iſt, d. h. ungefähr das Gebiet nordweſtlich entlang der Hollergaſſe, zwiſchen der Bahnhof⸗ und Liebigſtraße, würde ein aus⸗ gezeichnetes Bauterrain bieten. Hierzu gehört auch das Terrain, welches hinter der jetzigen alten Klinik liegt und der von dieſer ſelbſt eingenommene Abſchnitt. Die Störungen dieſer kliniſchen Anſtalt bezw. der Kranken durch die dicht dahinter vorbeifahrenden Züge ſind ſo ſtark, daß eine Verlegung des Inſtituts(der chirurgiſchen und ophthal⸗ mologiſchen Klinik) unvermeidlich erſcheint. Aber ſelbſt wenn dieſe Kliniken durch heſſiſche Staatsmittel aus dieſen un⸗ geeigneten Gebäuden entfernt und ihnen andere Heimſtätten geſchaffen werden, ſo werden ſich die Störungen ſür die ſpäteren Inſaſſen dieſes vielgeprüften Kaſernenbaues, oder nach ſeiner Niederlegung für die Bewohner der dafür auf⸗ geführten Häuſer in der gleichen Weiſe bemerklich machen. Es handelt ſich eben nicht nur um ein Paſſier⸗Geleis, deſſen Nähe zur Noth erträglich iſt, ſondern bei den Raum⸗ verhältniſſen unſeres Bahnhofs müſſen auf dieſem Theil des Geleiſes faſt alle Verſchiebungen der oberheſſiſchen Züge und Zugtheile vor ſich gehen. Bei der andauernden Steigerung des Verkehrs iſt alſo dieſe Stelle nicht nur für die jetzt betroffene alte Klinik, ſondern überhaupt für Wohnhäuſer kaum verwendbar. Im Gegenſatz hierzu würde bei Verlegung der oberheſſiſchen Bahn in der ſpäter zu beſchreibenden Weiſe

hier zwiſchen Liebigſtraße, Bahnhofſtraße, Frankfurterſtraße und Hollergaſſe ein ausgezeichnetes Bauterrain gewonnen, welches bei der Tendenz der Stadt zur Entwickelung nach Süden ſehr erwünſcht wäre.

Wird die oberheſſiſche Bahn völlig verlegt, ſo wird nicht nur die Möglichkeit gewonnen, den an Bevölkerungsziffer fortwährend wachſenden Stadttheil des Seltersberges in einen richtigen Localverkehr mit der Stadt zu bringen, welcher jetzt mangelt, ſondern es ergiebt ſich an einem der topo⸗ graphiſch günſtigſten Theile der Stadt ein wünſchenwerthes Feld baulicher Entwicklung.

2. Die Verhältniſſe des Gießener Bahnhofs werden trotz des anerkennenswerthen Beſtrebens der Verbeſſerung in Einzelheiten nach wenigen Jahren unerträglich werden. Be⸗ denkt man, daß in Gießen von fünf bezw. ſechs Richtungen, welche zum Theil ein ausgedehntes Hinterland haben, Züge zu⸗ ſammenlaufen, ſo werden die Mängel des jetzigen Bahnhofs jedem Erfahrenen als nothwendiges Product von Verhältniſſen erſcheinen. Dazu kommt, daß in Bezug auf den Durchgangs⸗ verkehr von Weſt nach Oſt, d. h. von Köln und Coblenz nach Fulda, der ſich nach Vollziehung der preußiſch⸗heſſiſchen Gemeinſchaft entſprechend den natürlichen geographiſchen Verhältniſſen fortdauernd ſteigern wird, die Lage des ober⸗ heſſiſchen Bahnhofs eine ganz ungeſchickte iſt. Dieſe iſt das Nothproduct eines beſchränkten Territorialverkehrs, während jetzt immer mehr die größeren Geſichtspunkte der deutſchen Verkehrsintereſſen in Betracht kommen.

gerner wird die Enge des Terrains, das für die Ab⸗ fertigung von Zügen der Hauptbahn übrig bleibt, immer mehr dazu ſühren, durch Verwaltungsmaßregeln den Verkehr, beſonders den Güterverkehr, an dieſer Stelle einzuſchränken, was einerſeits ein Act der Betriebsſicherung iſt, andrerſeits eine Störung vieler Intereſſen von Gewerbetreibenden, Kauf⸗ leuten, Fabrikanten und eine Mehrbelaſtung von deren An⸗ geſteuten hervorrufen wird.

Alle dieſe Schäden hängen im Grunde zuſammen und laſſen ſich nur durch einen einheitlichen Plan wirklich beſeitigen.

Wir wollen nun dieſen in kurzen Zügen klarlegen.

1. Gießen erhält einen Centralbahnhof für ſämmt⸗ liche auch die oberheſſiſchen Strecken. Dieſer ſoll an der Stelle der jetzigen Anatomie liegen, welche als Gebäude vollſtändig zu entfernen und als Inſtitut an eine andere eventuell den Kliniken näher gelegene Stelle zu verlegen iſt.

2. Die Bahnlinien von Frankfurt, Caſſel und Wetzlar bezw. Coblenz und Köln bedürfen keiner weſentlichen Aenderung, beſonders auch nicht die nach Klein⸗Linden zu im Bau be⸗ findlichen Geleiſe.

3. Die Bahnlinie nach Nidda⸗Gelnhauſen wird von dem Centralbahnhof Gießen der Strecke nach Frankfurt entlang über Klein⸗Linden, oder zwiſchen Gießen und Klein⸗ Linden mit Einmündung in die jetzige Linie ungefähr bei Schiffenberg geführt. Dies entſpricht der ſüdöſtlichen Richtung der Strecke.

4. Die Bahnlinie nach Fulda wird vom Central⸗ bahnhof Gießen der Strecke nach Caſſel folgend, ungefähr bis an das Ende des Ederweges geführt und biegt von dort am Fuße des Rodberges nach Nordoſten ab, um am rechten Ufer der Wieſeck nach Großbuſeck zu gelangen. Dies ent⸗ ſpricht der nordöſtlichen Richtung der Strecke Gießen⸗ Alsfeld

5. Die Eiſenbahnſtrecke vom jetzigen oberheſſiſchen Bahn⸗ hof bis zu der oberheſſiſchen Eiſenbahnreparatur⸗Werkſtätte wird völlig aufgehoben.

6. Das ganze Terrain zwiſchen Liebigſtraße, Bahnhof⸗ ſtraße, Frankfurterſtraße und Hollerweg wird unter Beſeitigung der alten Kaſerne nach Verlegung der chirurgiſchen und ophthal⸗ mologiſchen Klinik in den Stadt⸗Bebauungsplan einbezogen.

7. Die Schienenwege von Großbuſeck und Schiffenberg