nach der oberheſſiſchen Maſchinen⸗Reparatur⸗ werkſtätte bleiben beſonders auch mit Rückſicht auf die großen induſtriellen Unternehmungen im Oſten der Stadt erhalten. Eventuell kann daſelbſt beſonders mit Rückſicht auf den ſich weiter entwickelnden öſtlichen Theil der Stadt eine einfache Station für den oberheſſiſchen Local⸗Verkehr errichtet werden.
8. Der Eilgüterverkehr wird an die Stelle des jetzigen Haupt⸗Bahnhofs, deſſen Terrain zum Theil noch für Geleisanlagen verwendet wird, verlegt.
Zu dieſen 8 Punkten wollen wir nur wenige Be⸗ merkungen hinzufügen.
ad 1. Die großen Vorzüge eines Centralbahnhofes für einen Knotenpunkt wie Gießen, in welchem ſich wichtige deutſche Verkehrsverbindungen in nordſüdlicher und weſt⸗ öſtlicher Richtung ſchneiden, iſt ohne weiteres einleuchtend.
Die Stelle der jetzigen Anatomie muß jedem, der die Terraingeſtaltung und die vorhandene Lage der Stadt kennt, als naturgemäß geeignet zu dieem Zweck erſcheinen. Es könnte im Uebrigen nur ein Platz im Oſten der Stadt, ungefähr an der Stelle, wo die Strecke Gießen⸗Fulda den Schiffenbergerweg ſchneidet, oder jenſeits der Lahn, un⸗ gefähr am Hohleichenweg für eine derartige Arlage in Betracht kommen. Beide Projecte würden ungeheuere Koſten ver⸗ urſachen und die hiſtoriſch entwickelten Verhältniſſe der Stadt völlig umſtürzen. Das erſte Project würde zudem die Stadt von dem unſchätzbaren Schiffenberger Wald abſchneiden, indem an der Schiffenbergerſtraße ſich die gleichen Verhältniſſe ent⸗ wickeln würden, wie jetzt am Bahnübergang der Frankfurter⸗ ſtraße. Die Verlegung auf das jenſeitige Ufer der Lahn würde die jetzige Stadt von der Eiſenbahnverbindung in un⸗ erträglicher Weiſe abdrängen, wenn auch die Gewinnung eines Lahn⸗Quais am öſtlichen Ufer und der Lahnterraſſen am Anfangspunkt der Bieberthalbahn für die bauliche Ent⸗ wicklung der Stadt wünſchenswerth wäre. Eine ſolche Anlage wäre im Beginn unſerer Eiſenbahnverhältniſſe möglich geweſen, zur Zeit würde ſie den Ruin einer Anzahl blühender Geſchäfte und Betriebe der jetzigen Stadt bedingen und beſonders die öſtlichen Theile der Stadt in Bezug auf Erreichbarkeit des Bahnhofes ſchwer ſchädigen. Zudem würde wegen der Höhendifferenz zwiſchen dem jetzigen Bahnhofsniveau und der Thalſohle der Lahn eine Verlegung der vorhandenen Strecken auf weite Entfernungen nothwendig werden. Wir halten deshalb die Anlage eines Centralbahnhofes im Oſten der Stadt oder jenſeits der Lahn für aus⸗ geſchloſſen und müſſen an dem Terrain der jetzigen Anatomie als dem richtigen Platz für den Centralbahnhof feſthalten.
Daß dieſes Inſtitut ſelbſt zur Zeit einen ganz un⸗ geeigneten Platz hat, indem es allen Störungen von Seiten des Eiſenbahnverkehrs ausgeſetzt iſt, kommt hier nur nebenbei in Betracht. Von Seiten der heſſiſchen Regierung iſt in erſichtlicher Weiſe ſehr viel gethan worden, um den Schäden der Lage vorzubeugen, ſie zu beſeitigen wird ſich immer mehr als unmöglich erweiſen. Der Verkauf des Terrains an die Eiſenbahnverwaltung würde die Mittel zu einem Neubau zum Theil aufwiegen. Für das Project als Ganzes kann der Umſtand, daß der weſentliche Punkt gerade in den Händen des Staates iſt, nur förderlich ſein.
ad 3 u. 4. Die jetzige Lage der oberheſſiſchen Bahnlinie iſt nur geſchichtlich zu verſtehen. Topographiſch iſt ſie z. Zt. ein Nonſens. Die Liebigſtraße, oder beſſer die alte Klinik bildete früher, abgeſehen von einigen einzelnen Höfen, Wirthſchaften und Villen, den ſüdlichſten Theil der Stadt. Wenn man die oberheſſiſchen Bahnen territorial, d. h. lediglich als Verbindung von Gießen nach dem oberheſſiſchen Hinterland betrachtet, ſo lag es nahe, ſie gemeinſam ein⸗ münden und unter Vermeidung des Seltersberges ſie zwiſchen dieſem und der Stadt laufen zu laſſen. Daß dadurch eine Anzahl von Territorien an der damaligen Südgrenze der Stadt an Werth ſtiegen, mag bei manchen ein Grund ge⸗ weſen ſein, das Project zu unterſtützen. Allerdings ergab
ſich dadurch die Nothwendigkeit, die Linie dicht an der ſchon für kliniſche Zwecke verwendeten alten Kaſerne vorbeizuführen, was z. Zt. die größten Mißſtände bedingt. Immerhin kann man die damalige Linie vom Standpunkt des oberheſſiſchen Localverkehrs rechtfertigen. Zur Zeit iſt ſie bei der ſüdlich gerichteten Entwicklung der Stadt völlig zu verwerfen und erſcheint auch vom Standpunkt des deutſchen Eiſenbahn⸗ betriebes, welcher die Einbeziehung Oberheſſens in den Durchgangsverkehr in Betracht ziehen muß, als völlig verfehlt.
Die natürliche Richtung der Strecke von Gießen nach Gelnhauſen iſt die ſüdöſtliche, die der Strecke nach Als⸗ feld die nordöſtliche. Wer die Topographie Gießens kennt, ſieht ſofort, daß es richtiger iſt, die beiden Strecken im Beginn an der nord⸗ſüdlichen Hauptverbindung entlang laufen und ſie dann erſt abzweigen zu laſſen, als ohne Zuſammenhang mit dem Hauptbahnhof einen Anfangstheil quer durch die Stadt zu legen, wodurch der Verkehr und die Entwickelung dieſer nach Süden ſehr gehemmt wird.
ad 6. Durch das Freiwerden des Terrams zwiſchen Liebigſtraße, Hollergaſſe, Frankfurterſtraße und Bahnhofſtraße, nach Beſeitigung der oberheſſiſchen Bahn und der alten Klinik (früheren Kaſerne) würde der Entwickelung der Stadt nach Süden ein freies Feld geöffnet. Auch das jetzige Haupt⸗ ſteueramt würde in dieſem Falle am beſten verlegt, um eventuell zu einer öffentlichen Anlage vor dem Haupt⸗ bahnhof Raum zu ſchaffen. Das dort entſtehende Stadt⸗ viertel würde, im Zuſammenhang mit einem Centralbahnhof, vielleicht eines der ſchönſten in Gießen werden.
ad 7. Durch dieſe Einrichtung(Verbindung der ober⸗ heſſiſchen Strecken mit dem Centralbahnhof und eventuelle Anlage einer einfachen Halteſtelle im Oſten der Stadt) würde eine Trennung des Localverkehrs von dem Durchgangs⸗ verkehr, worauf eine Anzahl von Einrichtungen des letzten Jahrzehntes, z. B. die D⸗Züge auf größeren Strecken, ab⸗ zielen, erreicht. Aber auch, wenn die Anlage einer beſonderen Station der oberheſſiſchen Bahnen im Oſten der Stadt unter⸗ laſſen wird, würden die vorhandenen Geleisanlagen der Be⸗ nützung der Repa aturwerkſtätte und den induſtriellen Unter⸗ nehmungen im Oſten der Stadt weiter dienen.
Fragen wir uns nun, ob dieſes Project, welches den Intereſſen der Eiſenbahnverwaltung, der Stadt, der Uni⸗ verſität und des Publikums in gleicher Weiſe entſprechen würde, ausführbar iſt.
Techniſche Schwierigkeiten exiſtiren anſcheinend in keiner Weiſe. Die Einmündung der Strecke Fulda⸗Gießen in den jetzigen Hauptbahnhof würde bei der Lage desſelben ver⸗ muthlich Schwierigkeiten machen, da eine Geleis⸗Durch⸗ querung des Hauptſtranges nothwendig wäre. Läge jedoch der Bahnhof an der Stelle der jetzigen Anatomie, ſo wäre dieſe Kreuzung unnöthig, ſodaß eine gefahrloſe Anlage der Einmündung möglich erſchiene. Das Terrain bietet höchſtens am Rodberg leicht zu beſeitigende Schwierigkeiten. Ebenſo verhält es ſich mit der Strecke Gelnhauſen⸗Gießen, wenn dieſe über Klein⸗Linden, oder zwiſchen Gießen und Klein⸗ linden, entlang am Geleiſe Frankfurt⸗Gießen eingeführt wird. Terrainſchwierigkeiten ſcheinen hier überhaupt nicht vorhanden zu ſein.
Die Aufgabe liegt alſo lediglich darin, die in Betracht kommenden Faktoren, ſpeciell Eiſenbahnverwaltung, Stadt und Staat l(als Beſitzer des Terrains der Anatomie und der alten Klinik) zu einem gemeinſamen Handeln zu veranlaſſen. Nur durch das Zuſammenwirken dieſer drei Faktoren wäre es möglich, das für Gießens weitere Geſtaltung zum Theil entſcheidende Problem richtig zu löſen. Hoffen wir, daß ſich dieſe drei Kräfte zu einer gemeinſamen Arbeit in dem angegebenen Sinne zuſammen finden werden.*)
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*) Anmerkung: Perſonen, welche mit der Tendenz dieſes Auf⸗ ſatzes einverſtanden ſind, werden gebeten zum Zweck einer gemeinſamen Eingabe ihre Adreſſe per Karte oder Brief an Chiffre P. S. Expedition des„Gießener Anzeigers“ zu ſenden.


