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Vorlage über die Kanalisation der Stadt Gießen / der Oberbürgermeister: Gnauth
Entstehung
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Soweit man überhaupt derartige, zu verſchiedenen Zeiten und unter ſchiedenen Umſtänden angeſtellte Unterſuchungen miteinander vergleichen kann, alſo die Verunreinigung der Lahn durch die Stadt Marburg im Jahre 1892 etwas geringer, als jetzt durch die Stadt Gießen. Ferner ſcheint es, als ob in

letzten Jahren die Verunreinigung von Marburg aus ſoweit die gelöſten ſtanzen in Betracht kommen etwas zugenommen hat. Dafür ſpricht wenig

die jetzige Beſchaffenheit des Lahnwaſſers oberhalb Gießens. Die Unterſchiede aber nur ſehr unbedeutende. Bekanntlich iſt die jetzt etwa 17 000 Einwohner zäß Stadt Marburg neuerdings mit einer ſyſtematiſchen Schwemm⸗Kanaliſation veu worden, bei der man ſich bis heute darauf beſchränkt hat, die Abwäſſer vor Eintritt in die Lahn lediglich einer mechaniſchen Reinigung zu unterziehen. angeſichts dieſer Thatſachen die oben mitgeteilten Unterſuchungsergebniſſe fün Beurteilung der an die Abwäſſer-Reinigung in Gießen zu ſtellenden Anforderm erhöhte Bedeutung gewinnen, liegt auf der Hand. Die in Marburg gemachten fahrungen haben ſozuſagen für uns die Bedeutung eines Experiments.

Hier ſei noch auf die weitere Thatſache hingewieſen, daß die eben kanaliſierte Stadt Wetzlar ihre Abwäſſer einſchließlich der Fäkalien ohne irgendmn vorgängige Reinigung der Lahn überantwortet, allerdings an einer Stelle, an die Abwäſſer bei ihrem Eintritt in den Fluß ſofort eine erhebliche Verdünnungd einen, reichliche Waſſermengen führenden Bach erfahren.

Gießen liegt alſo zwiſchen zwei Städten, von welchen zurzeit die eine, oberhalb gelegene Marburg, ihren Kanalinhalt nach lediglich mechaniſcher Reinigg bei ſtärkerem Regenwetter ſogar zum Teil ganz ungereinigt, nämlich durch dien ausläſſe, der Lahn zuführt, die andere aber, das unterhalb gelegene Wetzlar, jeder Reinigung des Kanalinhalts abſieht, alſo dauernd auch die geformten Fätg Kloſetpapiere ꝛc. in den Fluß gelangen läßt.

Schon mit Rückſicht auf die Verunreinigung von Marburg her iſt es! ausgeſchloſſen, daß unterhalb Gießens gelegene Gemeinden die Lahn als allge Verſorgungsquelle für Trink⸗ und häusliches Brauchwaſſer benutzen könnten. Verwendung des Lahnwaſſers dürfte ſich vielmehr auf Tränken des Viehs, ſ auf Spülen der Wäſche, Baden u. dergl. beſchränken. Die letztere Art der wendung würde ſchon wegen der Notausläſſe Marburgs auch dann nicht völ einwandfrei ſein, wenn einerſeits Marburg ſeine Schmutzwäſſer weit ſorgfä klären würde, und wenn andererſeits von Gießen aus keinerlei asd ſtattfände.

Es würde ſonach meines Erachtens zu weit gehen, wenn man an die R gung der Abwäſſer Gießens die in ſtrengem Sinne überhaupt unerfüllbare Forden ſtellen wollte, daß ein Hineingelangen von Infektionskeimen in den Stromlauf ſt geſchloſſen erſcheint. Man wird ſich darauf beſchränken dürfen, eine zrobſu wahrnehmbare Verunreinigung der Lahn durch den Inhalt der Schmutzwaſſerkan nach Möglichkeit zu verhüten. Um dieſen Zweck zu erreichen, wird es erſae ſein, zunächſt die ſchwereren Sinkſtoffe, ſowie die gröberen ſchwimmenden Beſte teile, geformte Fäkalien, Kloſetpapier u. dergl. mehr abzuſcheiden, und danach Abwäſſer zum mindeſten noch inſoweit von den feineren Schwebeſtoffen zu befin daß eine Ablagerung derſelben im Strombette nicht mehr erfolgt, und daß Trübung des Flußwaſſers höchſtens eine kurze Strecke unterhalb des Einlaufs wi nehmbar iſt.

Für die Einrichtung der Klärſtation kann meines Erachtens die Marbmu Anlage in der Hauptſache als Muſter dienen. Das dort zur Entfernung der gröbt Schwimmſtoffe benutzte Rienſch'ſche Syſtem, bei welchem jene Stoffe vor eiſen in das durchfließende Kanalwaſſer eintauchenden Rechen ſich anſammeln, dann de ſelbſtthätige Vorrichtungen auf ſogenannte Transportbänder gehoben und mittelst ſelben kleinen, auf Schienen laufenden Transportwagen zugeführt werden, hat gut bewährt. Nach dieſer Vorreinigung würden die Abwäſſer, wie es in Mart geſchieht und wie es auch in dem für Gießen aufgeſtellten Lindley'ſchen Projekt geſehen iſt, Klärbecken zu paſſieren haben, und zwar mit einer Reinigungsgeſchwin keit, die unter allen Umſtänden hinter der geringſten Strömungsgeſchwindigkei Lahnbette erheblich zurückbleibt. Eine Strömungsgeſchwindigkeit von etwa 5 1 in der Sekunde dürfte genügen. Nebenbei bemerkt, iſt meines Erachtens Strömungsgeſchwindigkeit in den Marburger Klärbecken eine zu große und di