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Vorlage über die Kanalisation der Stadt Gießen / der Oberbürgermeister: Gnauth
Entstehung
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Anlage V.

Promemoria des Stadtbaurats Schmandt

über

den heutigen Stand der Frage der Entwäſſerung der Städte, insbeſondere mit Bezug auf die Stadt Gießen, vom Juli 1808.

Die Aſſanierung der Städte.

Die Erkenntnis, daß das beſte Mittel zur Bekämpfung der menſchlichen Krankheiten und Verlängerung der Lebensdauer in der Verhütung der ſchädlichen Einflüſſe beſteht, hat ſchon ſeit längerer Zeit dazu geführt, eine Reihe von Einrich⸗ tungen ſanitärer Natur zu treffen. Dies galt zu allen Zeiten für ſolche Orte, an welchen dauernd eine größere Anhäufung von Menſchen ſtattfand, die verhinderte, daß die wohlthätigen Einflüſſe der freien Natur dem Einzelnen in ausreichendem Maße zu teil ward. Es ſind alſo allgemein die Städte, und namentlich die raſch wachſenden Städte, welche beſondere Maßnahmen zwecks Verſorgung mit Licht, Luft, Lebensmitteln und Waſſer einerſeits und Beſeitigung aller ſchädlichen Abgänge und Abfallſtoffe anderſeits erheiſchen. Dazu geſellen ſich die Rückſichten auf den geſteiger⸗ ten Verkehr, welche mit der Größe und Bedeutung der Stadt wachſen.

Abfuhr und Kanaliſation.

Ein ſehr wichtiges Glied in der Kette dieſer Einrichtungen bildet ohne Zweifel die Beſeitigung aller menſchlichen und tieriſchen Abgänge und alles Unrats in feſter und flüſſiger Geſtalt. Dabei iſt notwendig, dieſe Abgänge ſo raſch als möglich aus dem Bereich der Stadt zu bringen und dem Auge der Bewohner zu entziehen. Die Entfernung der feſten Stoffe iſt mit Hilfe der menſchlichen, tieriſchen und maſchinellen Kräfte leicht zu bewirken; zur Beſeitigung der flüſſigen Abgänge reichen dieſe Kräfte aber vielfach nicht aus oder verurſachen unerſchwingliche Koſten. Man bedient ſich daher mit Vorliebe der bewegenden Kraft des fließenden Waſſers, das zu Zeiten dauernder und ſtarker Niederſchläge nicht nur reichlich vorhanden iſt, ſondern auch in den Städten eine raſche und geregelte Ableitung erfordert, ſowohl im Intereſſe der Geſundheit wie des Verkehrs. Die ſtarke bauliche Ausnützung von Grund und Boden und die Befeſtigung der Straßen und Höfe verurſacht in den Städten ein raſches Anſammeln des Regens in den tiefſten Teilen, im Gegenſatz zum Lande, wo in der Regel der weitaus größte Teil der Niederſchläge in den Boden verſinkt.

Verſchiedene Syſteme der Entwäſſerung.

Bei der flachen Lage vieler Städte wird die oberirdiſche Ableitung der Regen⸗ und Schmutzwäſſer ſchwierig und unangenehm. Zur Beſeitigung der letzteren bediente man ſich daher ſchon im Altertum der unterirdiſchen Kanäle, deren Ausbildung im Laufe der Zeit ſich zu verſchiedenen Syſtemen entwickelt hat.

Das kombinierte Syſtem.

Nach dem Vorbild engliſcher und amerikaniſcher Städte hat man ſeit einigen Jahrzehnten auch in Deutſchland eine ganze Anzahl von Städten mit einem Syſtem unterirdiſcher Kanäle oder Siele verſehen, denen man alle ſchwemmbaren Schmutz⸗ ſtoffe, in der Regel auch die Fäkalien, zuleitet, und welche zugleich groß genug ſind, um das auf die Straßen und Hofraiten fallende und zum Abfluß gelangende Regen⸗ waſſer aufzunehmen und weiter zu leiten. DieſeSchwemmkanäle haben ſich aber in vielen Fällen als unzureichend erwieſen zur Aufnahme ſtarker Gewitterregen, der