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Vorlage über die Kanalisation der Stadt Gießen / der Oberbürgermeister: Gnauth
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Anlage IV.

Genereller Vorbericht

des

Königlichen Baurats herzberg in Berlin

betreffend

Kanaliſation der Stadt Gießen, d. d. 26. Januar 1898.

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Gegen das Kanaliſationsprojekt mit gemeinſchaftlicher Ableitung der Schmutz⸗ und Meteorwäſſer wird in Gießen geltend gemacht:

a) daß die in die Wieſeck mündenden 6 und die in die Lahn mündenden 5 Notausläſſe bei jedem einigermaßen ſtarken Regenfall ſo viel in den Kanälen lagernde Fäkalien und ſonſtige Schmutzſtoffe in die Flußläufe gelangen laſſen, daß dadurch Zuſtände geſchaffen werden können, die möglicherweiſe die jetzigen an Widerlichkeit übertreffen; die hohen Koſten der projektierten Anlage, welche in der nächſten Zukunft mit 1 840 000, für die fernere Zukunft mit 2 900 000 berechnet ſind⸗

Bezüglich des Punktes a) iſt zu unterſuchen, wie oft im Jahre das Inthätig keittreten der Notausläſſe vorausgeſetzt werden darf. Auf Seite 4 des Erläuterungs⸗ berichts zum Lindley'ſchen Projekt iſt angegeben, daß die Regenausläſſe in Funktion treten ſollen, wenn 1 mm Niederſchlagsmenge in einer Stunde niederfällt, wobei noch die Annahme gemacht iſt, daß nur die Hälfte dieſes Niederſchlags in die Kanäle gelangt, während die andere Hälfte verdunſten und verſickern ſoll. Es iſt anzunehmen, daß bei der dichten Bebauung und der Befeſtigung der Straßen und Höfe in der inneren Stadt, dies zu günſtig gerechnet iſt, insbeſondere bei heftigem Gewitterregen. Da es jedoch über dieſe Verhältniſſe zuverläſſige Beobachtungen nicht giebt, ſo mag dieſe günſtige Annahme als zutreffend für die weitere Betrachtung beibehalten werden. Beobachtungen über die ſtündlichen Niederſchlagsmengen liegen nicht nur für Gießen nicht vor, ſondern ſind im allgemeinen äußerſt unvollſtändig vorhanden(vergl. Buſing, Städtereinigung, Stuttgart bei Bergſträßer 1897, Seite 171). Die Zahl der Regen⸗ tage wird auf Seite 175 des genannten Werks für Kaſſel auf 166 angegeben, wobei die Zahl der Regentage am ſtärkſtem im Juli mit 16 Tagen(Seite 175) war. Es iſt anzunehmen, daß die Juli⸗Regen hauptſächlich Gewitterregen waren, die in ganz kurzer Zeit ſehr große Regenmengen zu liefern pflegen. Für die In⸗ anſpruchnahme der Notausläſſe ſind die Geſamtmengen des Tagesniederſchlags, die die meteorologiſchen Stationen anzugeben pflegen, nicht ausſchlaggebend. Hierfür wäre eigentlich die höchſte viertelſtündige Niederſchlagsmenge zu beobachten, weil bei Gewitterregen die Kanäle ſchon in 10 Minuten voll zu ſein pflegen. Auf Seite 176 des genannten Werks wird für Chemnitz angegeben, daß an 17 Tagen im Jahr in einer Stunde 10 bis 35 mm Regenmenge niedergegangen iſt, das iſt mehr, als die 10 fache Menge desjenigen Niederſchlags, den die Kanäle für Gießen ohne Inanſpruch⸗ nahme der Notausläſſe abführen ſollen. Bezüglich der Unſicherheit in der Feſt⸗ ſtellung der in ganz kurzer Zeit niedergehenden Regenmengen verweiſe ich auf das in dem vorgenannten Werk Seite 176 u. f. Geſagte.

Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich in Rückſicht auf die oben ge⸗ nannte Chemnitzer Angabe annehme, daß es in Gießen an mehr als 40 Tagen im Jahr Niederſchläge geben wird, die in einer Viertelſtunde mehr als 0,25 mm (das iſt auf die Stunde berechnet mehr als 1 mm) Waſſer liefern, woraus ſich ergiebt, daß ich die sub a) angeführten Bedenken durchaus als gerechtfertigt erachte.

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