70 Wilhelm Martin Becker
die akademiſche Bildung erforderte; und die materielle Lage ermöglichte den Söhnen dieler Familien meiftens lich diele Bildung zu erwerben. Die folgenden Darlegungen werden zeigen, warum Gießen zu dielem Zwecke gern aufgelucht wurde.
Fakultätsfrequenz.
Wir lind in der für dieſe Zeit nicht häufigen Lage, über die Verteilung der Studenten auf die einzelnen Fakul- täten für Gießen genauere Angaben zu beſitzen. In den Darmſtädter Exemplaren der Matrikel von 1608 und 1610, belonders in dem letzteren Jahrgang(Mentzer!), befinden ſich Vermerke hierüber. Und hier wartet unſer eine Ueber-— raſchung. Wer nämlich die Entltehungsgeſchichte der Uni- verlität und die Beſtrebungen kennt, die dabei maßgebend waren, wird vermuten, daß die Univerſität in der Hauptlache Studenten der Theologie umfaßt habe. Weit gefehlt. Sehen wir die Angaben durch, lo bezeichnet natürlich eine große Ziffer die Itudioſi philoſophiae, denn die philolſophilche Fakultät war ja die Vorichule der„höheren“ Fakultäten. Die Ziffer müßte logar noch weſentlich höher ſein, denn die vom Pädagog kommenden Studenten traten doch auch in dieſe Fakultät ein. Daß der Uebergang von dieler Unter— ſtufe zu den oberen allmählich war, zeigt bei einem Studenten die Angabe„phil. et jur.“, bei einer Anzahl von Studenten auch der Umſtand, daß das Gießener Matrikelexemplar phil., das Darmſtädter jur. oder theol. hat. Rechnet man diele Namen der höheren Fakultät zu, lo ergibt die Zählung:
theol. jur. med. phil. Ohne Ang. Zlm.
1608 37 88 4 29 55 213 1610 18 55 6 64 15 158
Dieſe Zahlen lehren ein ſo ſtarkes Ueberwiegen der Juriſten, daß man Gießen für dieſe Zeit geradezu als„Juriſten- univerſität“ bezeichnen kanni. Sie verdankte dies offenbar dem Ruhm ihrer erſten Rechtslehrer, vor allem des Gottfried Antonii; ihnen gegenüber war allo ſelbſt der Ruhm bekannter Namen wie Mentzer, Winckelmann, Helvicus nicht imſtande, die gleiche Zahl Theologen heranzuziehen. Und ſo erklärt
1 Im allgemeinen wird die juriſtilche Fakultät auf den deutſchen Univerſitäten erft ſeit der Mitte des 17. Jahrhunderts allmählich die ſtärkſte. Paulſen a. a. 0O. S. 249.


