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Stärke und Zusammensetzung der Studentenschaft in der Frühzeit der Universität Giessen (1607-1624) / Wilhelm Martin Becker
Entstehung
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Studentenſchaft in der Frühzeit der Univerſität Gießen. 69 anderen Blatt! Gießen war in der rühmlichen Lage, viele Adlige unter ſeinen Studenten zu haben. In den erhaltenen Matrikeljahrgängen iſt dies zu erkennen; immerhin ilt es aus den Namen nicht ganz exakt feſtzuftellen, da mancher bürgerlich ausſehende Name einem Adligen angehörte und auch der umgekehrte Fall vorkommti. Zum Glück hat der wackere Profeſſor Balthalar Mentzer als Prorektor von 1610 (»anno DVCVvM«, wie er im Chronogramm auf die in Gießen ſtudierenden herzoglichen Prinzen von Schleswig- Holftein anſpielend ſagt) die einzelnen Adligen in der Matrikel dieſes Jahres(namentlich im Darmſtädter Exemplar) belonders markiert; es ergibt ſich, daß unter den 158 ein- gelchriebenen Studenten 42 nobiles waren, allo mehr als der vierte Teil, unter den 37 paedagogici freilich nur 3, wodurch lich der Prozentlatz wieder etwas vermindert.

Aus dem Beſtreben, liech und belonders den Landes- herrn an der großen Zahl der adligen Studenten zu erfreuen, iſt auch das bereits erwähnte Verzeichnis der im Jahre 1617 anweſenden Studenten von Adel zu erklären, das im Anhange gedruckt iſt. Bemerkenswert ilt hierbei, daß die Prozentlätze der anweſenden Adligen aus beſtimmten Ländern ſich nicht mit den Sätzen decken, die wir als Anteil der Länder an der Frequenz aus der Matrikel ermitteln können. So ſind 1610 unverhältnismäßig mehr böhmilche Adlige immatrikuliert, als die Zahl der Böhmen in Gießen im all- gemeinen mit ſich bringt. Die Zahl der adligen Dänen im Verzeichnis von 1617 beträgt 17 v. H. aller Adligen, während die Matrikelreſte nur eine Dänenfrequenz von etwa 4 v. H. erkennen laflen. Wir ſehen, daß unter den däniſchen Stu- denten Gießens eine größere Zahl aus vornehmen Häuſern ſtammte als unter den Studenten anderer Herkunfts.

Was ilt nun der Grund der auffallenden Erſcheinung, daß der Adel in ſo großer Anzahl in Gießen ſtudierte?

Im allgemeinen ilt im 16. und 17. Jahrhundert eine Zunahme des Adels auf hohen Schulen zu beobachtens, da der Hof- und Staatsdienſt, der den Adel anzog, immer mehr

1 Ueber dieſe Schwierigkeit vgl. Stölzel, Entwicklung des ge- lehrten Richtertums I(1872) S. 125 f. 3 2 Die Wohlhabenheit, die eine ſo weite akademiſche Reiſe ge- ſtattete, fand ſich wohl mehr im Adel als im Bürgerſtand.

3 Vgl. Paulſen, Geſchichte des gelehrten Unterrichts I ², S. 253 f.; Eulenburg S. 66.