68 Wilhelm Martin Becker
nach Norden zu war Gießen die nächſte Hochſchule gleichen Bekenntnifſes. Auffallend groß iſt die Zahl der aus den Braunſchweiger Herzogtümern nach Gießen kommenden Studenten; ihnen hätten neben der heimiſchen Univerüität Helmftedt doch die lächfilchen Univerſitäten näher gelegen.
Von den entfernteren Gegenden lind beſonders die Länder der Oſtſeeküſte von Holftein bis Livland durch eine große Zahl von Studenten vertreten, obgleich dort mehrere Univerſitäten für das Bildungsbedürfnis lorgten. Jedenfalls ſpielt hier auch die peregrinatio eine Rolle, hier der Zug nach Süden, der ja heute noch in jedem Semefter ſoviele Nord- deutiche auf mittel- und füddeutſche Univerſitäten führt. Von Bedeutung ift auch die Ziffer der Böhmen und Schlelier, die trotz der näheren lächlilchen Hochſchulen in ziemlich großer Zahl nach dem Weſten kamen. Von den Ausländern find die Dänen am zahlreichfſten; ihre Zahl übertrifft ja die Menge der aus manchen nahegelegenen deutlchen Land- ſchaften kommenden Studenten. Und daß es Jünglinge aus den beften Familien Dänemarks waren, die uns in Gießen begegnen, werde ich nachher zeigen.
Standeszugehörigkeit.
Aus welcher Klalſe der menſchlichen Gelſellſchaft die in unſeren Liſten verzeichneten Studenten ſtammen, iſt in den meiften Fällen nicht zu erſehen. Nicht einmal die Be— merkung„pauper“, die in den mittelalterlichen Matrikeln für die Standeszugehörigkeit einen Fingerzeig bietet, iſt bei uns vorhanden; die wenigen gratis Inſkribierten unſerer Zeit beweiſen nichts.
Nur in einer Hinſicht ſind wir beſler unterrichtet. Wir befinden uns ja in der Zeit einer Hoch- und Ueberſchätzung der Geburtsſtände. Der Adlige ging unter allen Umſtänden dem Bürgerlichen vor; er genoß mit Rücklicht auf ſeine Abkunft belondere Beachtung, belondere Hochſchätzung, ja in Diſciplinarfällen oft mildere Beurteilung als der nichtadlige Student. Gern taten die Profelſſoren jener Zeit groß mit der Anwelenheit von Studenten hohen Adels; Itudierenden Prinzen und Grafen übertrug man gern die Rektorwürde (in Gießen 1609 und 1610) ehrenhalber, und auch Gießener Profefſoren hielten es nicht für unter ihrer Würde, ihren adligen Schülern ihre Bücher zu widmen, nicht ohne Spekulation auf deren Erkenntlichkeit,— doch das ſteht auf einem


