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Über den Werdegang der Physiologie und das neue Physiologische Institut an der Landesuniversität Gießen / von Karl Bürker, Gießen
Entstehung
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In Gießen ſtanden ſich in Wilbrand und Liebig zwei Welten gegenüber, die des Naturphiloſophen und des Experimentalchemikers.

Koch in Erlangen hatten Liebig des Philoſophen Schelling Vorträge eine Zeitlang angezogen,allein Schelling beſaß keine gründlichen Kenntniſſe in den Fächern der Naturwiſſenſchaft, und das Einkleiden der Naturerſcheinungen mit Analogien und in Bildern, was man Erklären nannte, ſagte mir nicht zu. In den erwähnten Büchern von Walther und Wilbrand ſtützen ſich die Verfaſſer aber gerade auf Schellingſche Philoſophie. Man darf ſich daher nicht wundern, wenn Liebig in ſeiner Autobiographie S. 14 ſchreibt:in den Fächern der Naturwiſſenſchaften wirkte die ausgeartete philoſophiſche Forſchung, wie ſie in Oken und ſchlimmer noch in Wilbrand ſich verkörpert hatte, auf das ſchädlichſte ein, denn ſie hatte in dem Vortrag und Studium zu einer Nichtachtung der nüchternen Naturbeobachtung und des Ex⸗ periments geführt, die für viele begabte junge Männer verderblich wurde.

Nun auch noch etwas Menſchliches von dieſen beiden Antipoden.

In einem in Gießen ſehr bekannten BuchAus meinem Leben ſchreibt der Zoologe Carl Vogts), der Verfaſſer derPhyſiologiſchen Briefe für Gebildete aller Stände, es ſei unglaublich geweſen, welche Menge von Wiſſenſchaften Wilbrand lehrte. Bei den botaniſchen Lehr⸗ ausflügen habe der hagere Mann eine unglaubliche Zähigkeit im Dauer⸗ lauf bewieſen und ſtets ſein Handbuch der Botanik in einem Leder⸗ futteral mitgeſchleppt. Zoologie habe er großenteils aus einem auch von ihm verfertigten Handbuch vorgeleſen und mit Bemerkungen über ſeineAÄffken gewürzt, beſtändig habe er nämlich eine oder mehrere Meerkatzen zu Haus gehalten. Als Phyſiologe las er ein drittes, von ihm verfaßtes Lehrbuch vor, das ſeiner poetiſchen Sprache wegen gerühmt wurde. Von Verſuchen ſei keine Rede geweſen, auch vom Mikroſkopieren nicht, das Mikroſkop zeige doch nur Trugbilder; man merkt hier den Einfluß ſeines Freundes Goethe, der es auch einmal aus⸗ geſprochen hat: Mikroſkope und Fernröhren verwirren den reinen Sinn des Menſchen, worin ſicher ein Körnchen Wahrheit liegt. Als Pro⸗ feſſor der vergleichenden Anatomie diktierte Wilbrand ein Heft mit eigenen Ideen. Zur Eröffnung der Vorleſung über Naturphiloſophie erſchien faſt die ganze Studentenſchaft.Meine Haaren fing Wil⸗ brand in ſeinem breiteſten Weſtfäliſch an,meine Haaren! De Philo⸗ ſophie kann nich gelahrt un nich gelarnt waren! Kaum war die Phraſe beendet, ſo ſtand das Auditorium auf und ging weg was hatte man

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