ſeinen eigenen Weg ſelbſt zu ſuchen. In dem Zuſammenleben und dem ſteten Verkehr untereinander, und indem jeder teilnahm an den Arbeiten aller, lernte jeder von dem anderen. Im Winter gab ich zweimal wöchentlich eine Art von überſicht über die wichtigſten Fragen des Tages. Es war zum größten Teil eine überſicht über meine und ihre Arbeiten, in Verbindung gebracht mit den Anterſuchungen anderer Chemiker. Wir arbeiteten, wenn der Tag begann, bis zur ſinkenden Nacht; Zerſtreuungen und Vergnügungen gab es in Gießen nicht. Die einzigen Klagen, die ſich ſtets wiederholten, waren die des Dieners, welcher am Abend, wenn er reinigen wollte, die Arbeitenden nicht aus dem Laboratorium bringen konnte. Die Erinnerung an ihren Aufenthalt in Gießen erweckt, wie ich häufig hörte, bei den meiſten meiner Schüler das wohltuende Gefühl der Befriedigung über eine wohlangewendete Zeit“. In der gleichen Schrift ſteht:„Leſſing ſagt, daß das Talent weſentlich Wille und Arbeit ſei, und ich bin ſehr geneigt, ihm bei⸗ zuſtimmen“.
Wie die Nachwelt über Liebig dachte, geht aus einer Rede des Generalſekretärs der Wiener Akademie in einer im Jahre 1873— dem Todesjahr Liebigs— abgehaltenen feierlichen Sitzung hervor: Liebig verdanken wir die Hälfte unſerer gegenwärtigen Kultur, und zwar die beſſere. And Oſtwald äußert ſich in ſeinem oben genannten Buch S. 167 ſo: Die Erfolge von Liebigs Anterrichtstätigkeit in den dreißig Gieße⸗ ner Jahren übertrafen alles, was bis dahin erlebt worden war, und ſind auch inzwiſchen nicht wieder erreicht worden. Man ſagt nicht zu viel, wenn man behauptet, daß Liebig während dieſer Zeit die ganze Kulturwelt mit chemiſchen Profeſſoren verſorgt hat.
Bis zum Herbſt 1852 wirkte Liebig in Gießen, hier hat er auch ſeine größten wiſſenſchaftlichen Taten vollbracht. Für das S. S. 1852 kün⸗ digte er noch an: Allgemeine Experimentalchemie, täglich von 11 bis 12 Ahr und Praktiſch⸗analytiſcher Kurs im chemiſchen Laboratorium, täglich von 9 Ahr morgens bis 4 Ahr nachmittags. Im Herbſt folgte er einem Nuf nach München, nachdem er andere Berufungen abgelehnt hatte. Aber mit Freude dachte er ſtets an die achtundzwanzig Jahre zurück, die er in Gießen verlebt hatte:„Es war wie eine höhere Fügung, die mich an die kleine Aniverſität führte. An einer großen Aniverſität oder an einem größeren Orte wären meine Kräfte zerriſſen und zer⸗ ſplittert und die Erreichung des Zieles, nach dem ich ſtrebte, ſehr viel ſchwieriger, vielleicht unmöglich geworden; aber in Gießen konzentrierte ſich alles in der Arbeit, und dieſe war ein leidenſchaftliches Genießen.“
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