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Über den Werdegang der Physiologie und das neue Physiologische Institut an der Landesuniversität Gießen / von Karl Bürker, Gießen
Entstehung
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ſoweit man dies aus den Vorleſungsverzeichniſſen ſchließen kann; bis zum Ende des Jahrhunderts wird die Phyſiologie in der ſcholaſti⸗ ſchen Weiſe betrieben und gelehrt.

3. Die Zeit der Naturphiloſophie.

Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das ſich zu dem Jahrhundert der Naturwiſſenſchaften und der auf dieſen aufbauenden experimentellen Phyſiologie entwickeln ſollte, iſt ein beſonderer Vertreter der Phyſio⸗ logie in der Mediziniſchen Fakultät noch nicht vorhanden, es tritt aber die Phyſiologie als beſonders Fach doch ſtärker hervor. Im W. S. 1809/10 lieſt der Profeſſor der Medizin E. L. W. NebelPhyſio⸗ logie des Menſchen, offenbar nach Hildebrandts Lehrbuch, im S. S. 1811 der Anatom J. B. Wilbrand über denſelben Gegenſtand nach Walthers Lehrbuch, und im W. S. 1811/12 kündigt Wil⸗ brand an: Phyſiologie der geſamten organiſchen Natur, zur Begrün⸗ dung einer rationellen Phyſiologie des Menſchen, mit beſtändiger Er⸗ läuterung durch Naturalien und durch Präparate aus der verglei⸗ chenden Anatomie, fünfmal in der Woche. Wilbrand hat auch ſelbſt ein BuchPhyſiologie des Menſchen geſchrieben, 1815 bei G. F. Taſché in Gießen erſchienen.

Am ſich in den Geiſt der Zeit zu verſetzen, iſt es wohl nicht unan⸗ gebracht, einen Blickin die erwähnten Lehrbücher der Phyſiologie von Walther und Wilbrand zu werfen, wobei man ſich erinnern muß, daß damals noch die Lebenskraft ihr Anweſen und die Natur⸗ philoſophie ihre ſonderbaren Blüten trieb.

Ph. Fr. Walther in München war der Philoſophie, Medizin und Chirurgie Doktor, Koenigl. Baier. Medizinalrath, öffentl. ordentl. Lehrer der Phyſiologie, Chirurgie und der chirurg. Clinik, Direktor des chirurgiſchen und des Augenkranken⸗Inſtitutes an der Ludwig⸗ Maximilians⸗Aniverſität, mehrerer gelehrten Geſellſchaften Mitglied. Der Titel ſeines Buches lautet: Phyſiologie des Menſchen, mit durch⸗ gängiger Nückſicht auf die comparative Phyſiologie der Thiere. Ver⸗ lag bei Philipp Krüll, Landshut 1807.

In der Einleitung(S. 1) wird definiert:Phyſiologie iſt die Wiſſen⸗ ſchaft von der Idee des Lebens, und von deren Manifeſtation an dem lebenden Organismus. Dazu ſteht in Anmerk. 2:Die Idee des Lebens iſt das Leben abſolut, und als der letzte Grund ſeiner ſelbſt gedacht, die

Nanifeſtation einer Idee iſt aber die Einbildung derſelben in das ihr ent⸗ ſprechende Reale, wodurch am Realenihr Reflex oder Gegenbildentſtehet.

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